Sinne und Synapsen ist ein Projekt des Instituts für Germanistische und Allgemeine Literaturwissenschaft der RWTH Aachen.

© Die Rechte an den hier veröffentlichten Artikeln liegen bei den Autoren und der RWTH Aachen.

Projektleitung:
Dr. Christine Emig
Prof. Dr. Monika Fick

Sinne und Synapsen.
Erkenntniskritik und Wahrnehmungswandel in der klassischen Moderne und der konstruktivistischen Postmoderne

Im Zentrum des Projekts steht die Frage nach Wirklichkeitskonstitutionen und Weltbild-entwürfen an der Schnittstelle von Sinnesphysiologie, Neurophysiologie, Erkenntniskritik, Literatur, Bildender Kunst und Neuen Medien.

Spätestens seit den sinnesphysiologischen Forschungen und Entdeckungen des 19. Jahrhunderts wird die Beschwörung (oder zumindest: Apostrophierung) der Kluft zwischen der sinnlichen Wahrnehmung und der Welt der physikalischen Kräfte und Wirkungen zu einem Topos im populärwissenschaftlichen Schrifttum. 1973 nennt Heinz von Foerster die Erzeugung einer »überwältigend« vielfältigen und »bunten« Welt durch unsere Sinnesorgane ein immer noch ›fragwürdiges‹ Faktum – fast in die gleichen Worte wie er kleidet Gustav Theodor Fechner, der Begründer der Psychophysik, 1879 die Diskrepanz zwischen unserer sinnlich bestimmten Umgebung, der Welt des Lichtes, der Farben, der Töne, Düfte und Gerüche auf der einen Seite und der physikalischchemischen Welt auf der anderen.

Es ergeben sich zwei historische Schwerpunkte unserer Untersuchungen:

Um 1900

Zunächst konzentrieren wir uns auf die Zeit »um 1900«, auf die Epoche also, in der zum einen auf dem Gebiet der Sinnes- und Neurophysiologie entscheidende Erkenntnisse zur Funktionsweise der Sinnesorgane gelingen – Erkenntnisse, welche die sinnliche Wahrnehmung als ein »Konstrukt« unseres Gehirns deuten lassen –, in der zum anderen auf dem Gebiet der Literatur und Bildenden Kunst die Abkehr vom Mimesis-Prinzip, der Weg in die sog. Abstraktion, sich vollzieht. Wir wollen zeigen, wie der künstlerische Wahrnehmungswandel (Abstraktion, Entfremdungsstrategien, die viel beschworene »Wirklichkeitszertrümmerung«, die Auflösung der Zentralperspektive und die kubistischen Raumexperimente) auf das engste mit zeitgenössischen, sinnesphysiologisch fundierten Wahrnehmungstheorien verflochten ist, wie die künstlerischen Entwürfe als Parallelphänomene zu der Revolution in der Auffassung von Sinneswahrnehmung verstanden werden können.

Gleichzeitig wurde um und nach 1900 eben nicht die Konsequenz eines »radikalen Konstruktivismus« gezogen. So stellt sich die Aufgabe, die unterschiedlichen Bestimmungen von Realität herauszuarbeiten, wie sie vom sinnesphysiologischen Neukantianismus einerseits, von dessen Kritikern andererseits formuliert wurden.Helmholtzens Sichtweise, dass Sinneswahrnehmungen lediglich Zeichen und Symbole seien, ist zum Beispiel fürDilthey eine Ansicht, die »in das Leere hinein construirt« (Beiträge zur Lösung der Frage vom Ursprung unseres Glaubens an die Realität der Außenwelt und seinem Recht ); sie banne uns in eine Welt der bloßen Phänomenalität und abstrakter »Intellectualität«. Er dagegen erklärt »den Glauben an die Aussenwelt nicht aus einem Denkzusammenhang, sondern aus einem in Trieb, Wille und Gefühl gegebenen Zusammenhang des Lebens«. Entscheidend ist hier, dass die Erfahrung der – widerständigen – Außenwelt zu einer Sache der Intensität wird. Im Wechselspiel von Kraftwirkungen, so Dilthey, die der Organismus ausübe und erleide, werde die Realität der Außenwelt erfahren. Sinnliche Wahrnehmungen seien nicht lediglich chimärische Zeichen oder bloße Bewußtseinsphänomene, sondern mit einer »Innenseite« ausgestattet – den Innervationen, den Triebimpulsen und Gefühlsregungen –, welche Innenseite sie mit leibhaftiger Evidenz begabe.

Analog dazu fragen wir nach denjenigen Momenten der (literarischen und bildkünstlerischen) Darstellung, die den Konstruktivismusgedanken ergänzen, ja, gegenläufig zu ihm angelegt sind. Wir stoßen hier auf vielfältige Seinskonzepte, die von Literaten und Künstlern formuliert werden – noch Benn, der vielleicht der heutigen Denkgewohnheit vom »konstruierenden Gehirn« am nächsten kommt, spricht von einem »Endgültig Realen« jenseits der naturwissenschaftlichen Wirklichkeitsauffassung (Bezugssysteme, 1943 ). Die Subjekt-Objekt-Beziehung wird gerade von ihnen neu austariert – so, wenn im Ichzerfall und Selbstverlust ein Weg zu einer neuartigen Realitätserfahrung gesehen wird (Rilke, Musil, Benn). Zugleich stoßen wir auf das Problem ästhetischer Vergegenwärtigung und »Präsenz«, will doch der ästhetische Gegenstand die triviale Gegebenheit seines »bloß Konstruiertseins« überschreiten. Für dieklassische Moderne charakteristische Kategorien, die sich darauf beziehen, wären: das Schöpferische, Intensität, Evidenz, das Unverfügbare, Unberechenbare im Schaffensprozess.

Gegenwart

Der zweite Schwerpunkt ergibt sich aus der Bedeutung, die das Wort vom »Konstruktcharakter unserer Wirklichkeit« in der Gegenwart erhalten hat. Wir gelangen von der historischen Perspektive zu einer aktuell brisanten wissenschaftstheoretischen und philosophischen Fragestellung. Dabei ist die Lage vielschichtig. Der »radikale Konstruktivismus« ist heute zwar nicht mehr ganz up to date, eine Trendwende scheint z.B. das Merkur-Themenheft: Wirklichkeit! Wege in die Realität anzudeuten (Bd. 59. 2005 [Sonderheft 9/10]), und eine der erfolgreichsten Strömungen in der Kunst der Gegenwart ist der »neue Realismus« der Leipziger Schule (Neo Rauch). Doch gerade in der auf Objektivität angelegten Neurowissenschaft spielt das »Konstrukt«-Modell eine wesentliche Rolle, denn es bezeichnet den Übergang von der materiellen Realität zur subjektiven Welt der »Qualia« – so die Sprachregelung. Innerhalb dieser neurowissenschaftlichen Wirklichkeitsauffassung wird die subjektive Perspektive zum Imaginären, Illusionären; die materielle Basis der Persönlichkeit, das Gehirn, wird als das »eigentlich Reale« angesehen. So wird in der derzeitigen Geist-Gehirn-Debatte die Wirklichkeitsauffassung in besonderer Weise virulent, stellt doch die Sprachregelung »die phänomenale Welt ist ein Konstrukt des Gehirns« einen Höhepunkt in der Entwertung der primären menschlichen Erfahrung dar. Welche Positionen bieten dagegen philosophische Reflexionen? Wie lassen sich die Ursprünglichkeit und Objektivität der Wirklichkeit, die dem mentalistischen Vokabular entspricht, begründen? Wie lässt sich die Uneinholbarkeit der Innenperspektive und Subjektivität vom Odium des Beliebigen und Nicht-Relevanten befreien?

Literarische Strömungen der Postmoderne sehen wir – ähnlich wie diejenigen um 1900 – als Parallelen, aber auch als Gegenentwürfe zur wissenschaftlichen Wirklichkeitsauffassung an. Der Pluralismus der Weltentwürfe ist ein Leitwort der »Postmoderne«, die (vermeintliche?) Auflösung der »Wirklichkeit« und ihre Ersetzung durch Interpretationen und Konstruktionen ist ein Leitprinzip in wichtigen Romanen der Gegenwartsliteratur – all das lässt sich durchaus auf den »radikalen Konstruktivismus« z.B. eines Paul Watzlawick oder Gerhard Roth beziehen. Doch wieder stellen wir fest, dass die Rede vom »Konstruktcharakter« der perspektivisch gebundenen, fiktiven Wirklichkeitsentwürfe (Fitz 1998) nicht ausreicht.

Welche Subjekt-Objekt-Beziehungen werden erprobt, welche Realitätserfahrung und welche Erkenntnis wird der subjektiven Perspektive zugestanden? Welche Auffassungen von Wirklichkeit werden durchgespielt? Muss man den Pluralismus der subjektiven Entwürfe durch ein Modell unterschiedlicher Realitätsdimensionen ergänzen? Diese Fragen legen Romane von Ian McEwan, Aris Fioretos, Sten Nadolny, Christoph Ransmayr, Botho Strauß nahe, in denen es eben nicht bei der reinen Selbstbezüglichkeit der subjektiven Perspektive bleibt. Indem wir den Bezug zu sinnesphysiologischen und wahrnehmungstheoretischen Wissensbeständen verfolgen, eröffnet sich ein Spannungsfeld von »Konstruktion«, »Konstitution« »Verrätselung« und (möglicher) Evidenzerfahrung der Wirklichkeit, der Akt der Formgebung verweist auf eine unverfügbare Notwendigkeit (Gerhard Richter 1996), die mit der »Evidenz« der künstlerischen Entwürfe zu tun hat. Analogien zur Literatur/Kunst der Jahrhundertwende (1900) schärfen den Blick für das Wechselverhältnis von »Konstruktion« und dem nicht konstruierbaren »Anderen«.

Ausblick

Wenn wir die Klassische Moderne und die sog. Postmoderne wie zwei Spiegel einander gegenüberstellen, so geschieht dies mit folgendem Erkenntnisinteresse: Wir wollen erstens den gegenwärtigen Auslegungen der neurophysiologischen und biologischen Forschungsergebnisse historische Tiefenschärfe verleihen, indem wir auf vergleichbare Diskussionen um 1900 verweisen und die Bandbreite der Interpretationsmöglichkeiten systematisieren; dies soll vor allem auch der Orientierung heutigen Standpunkten gegenüber dienen. Zweitens besitzt die Epochenspiegelung für die Frage nach der Wirklichkeitskonstitution in Literatur/Kunst der Gegenwart erhellende Funktion.


Monika Fick
Empfohlene Zitierweise dieses Artikels

Monika Fick: Sinne und Synapsen – Erkenntniskritik und Wahrnehmungswandel in der klassischen Moderne und der konstruktivistischen Postmoderne. Auftakt. (2006).
URL: http://susy.germlit.rwth-aachen.de/auftakt/index.html (Zugriffsdatum)