Sinne und Synapsen ist ein Projekt des Instituts für Germanistische und Allgemeine Literaturwissenschaft der RWTH Aachen.

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Projektleitung:
Dr. Christine Emig
Prof. Dr. Monika Fick

Außenwelt ist sinnlich erfahrene Wirklichkeit:
Wilhelm Dilthey

Wenn [für] Helmholtz [...] die Aussenwelt [...] in Denkprozessen entsteht, so möchte ich doch im Folgenden versuchen, den Menschen in seiner empirischen Lebensfülle zu Grunde zu legen und eine breitere Wirkung des Triebsystems, der Thatsachen des Willens und der mit ihnen verbundenen Gefühle zu erweisen. [...] Ich erkläre den Glauben an die Aussenwelt nicht aus einem Denkzusammenhang, sondern aus einem in Trieb, Wille und Gefühl gegebenen Zusammenhang des Lebens, der dann durch Processe, die den Denkvorgängen aequivalent sind, vermittelt ist. Ich möchte auch über die Annahme hinauskommen, dass die Realität der Aussenwelt nur den Werth einer Hypothese hat.

Den zeitgenössischen Erkenntnissen folgend, lässt auch Dilthey den naiven Realismus hinter sich, der Phänomen und Wirklichkeit identifiziert. Andererseits wehrt er sich aber gegen die »geltende Ansicht«, wie sie z.B. Helmholtz vertritt, für den allein das Denken Außenwelt konstituiert, indem von der Wirkung auf die Ursache geschlossen wird: Wir fänden Empfindungen und Wahrnehmungsbilder in uns vor, die Zeichen und Symbole einer Außenwelt seien, welche gesetzmäßig organisiert sei – eine Gesetzmäßigkeit, die sich in der Kausalität unseres Denkens wiederfinde. ( siehe hierzu: Helmholtz: »Wirklichkeit« der Außenwelt). Dilthey dagegen ist der Meinung, dass ein Mensch, der nur aus Wahrnehmung und Denken bestünde, lediglich Bilder projizieren, aber nicht Inneres von Äußerem unterscheiden könnte. Für ihn ist Helmholtz´ Theorie zu intellektualistisch, ins Leere hinein construirt,ein kaltes Gedankengebäude, das den wahren Lebenszusammenhang und die psychischen Grundgesetze aller Lebewesen nicht wirklich trifft. Sein eigener Begriff von Wirklichkeit ist emphatisch – es ist das Lebendige, das sinnlich erlebt werden kann.

Wie kann nun Helmholtz´ spröder Intellektualismus korrigiert werden? Dilthey leitet den Glauben an eine Außenwelt aus den voluntaristischen und emotionalen Komponenten des Wahrnehmungskomplexes ab: Unsere Gefühle, Trieb- und Willensimpulse streben beständig nach Erfüllung. Dabei stoßen sie stets auf gleichbleibende Strukturen, die ihnen entsprechen oder Widerstand entgegensetzen. Eine kausal determinierte Außenwelt, die von unserem eigenen geistigen Leben verschieden ist, erleben wir in erster Linie in der sinnlichen Erfahrung einer Hemmung unseres ursprünglichen Impulses, die durch einen vergleichenden und wertenden Denkprozess lediglich ergänzt wird. Dilthey versucht demnach, Denken und Gefühl, physikalische Physiologie und lebensphilosophisch orientierte Psychologie zu verschmelzen – mit deutlicher Betonung des trieb- und gefühlshaften Aspekts.

Diltheys These wollen wir genauer beleuchten: Sie lautet, dass die Realität der Sinneseindrücke vor allem durch das Verhältnis von Impuls und Hemmung der Intention, von Wille und Widerstand geschaffen wird (siehe auch:Erfahrung eines Widerstandsimpulses in einer Bewegung). Dieser Wirkungskomplex bildet, so seine Überzeugung, den Kern unserer lebendigen Erfahrung der Außenwelt; indem die Befriedigung unserer Triebimpulse und Gefühle durch das Erlebnis des Widerstandes gegen unsere Intentionen gehemmt wird, erweist sich Außenwelt als das zu uns andere. Denn Hemmung und Widerstand schließen ebensogut Kraft in sich wie der Impuls: Wie in dem Bewusstsein des Impulses die Erfahrung liegt, daß ich eine Kraft übe, so in dem Bewusstsein der Hemmung und des Widerstandes, dass eine Kraft auf mich wirkt. So bin ich z.B. außerstande, die Vorstellung eines Störgeräuschs durch Willensanstrengung zu entfernen: Es übt vielmehr einen dauernden Druck auf mich aus, der mich eine Kraft spüren lässt, auf die ich keinen Einfluss habe. Da etwas auf mich unverdrängbar wirkt, müssen dieses und ich unterschieden sein. In diesem energetischen Spannungsverhältnis wird sowohl das ›Objekt‹ als auch das eigene Selbst sinnlich erfahren; mit »der Minderung der objektiven Realität« schwindet meist auch »die Energie des Ichbewußtseins«, wie Dilthey anhand des Traumes und einiger Wahrnehmungsstörungen illustriert.Ein weiteres Beispiel führt Dilthey mit der Gesichtswahrnehmung an: Wenn ich das Auge nach rechts bewege und der Gegenstand geht nicht mit, so gewinne ich in meiner denkenden Erfahrung das Bewusstsein seiner Unabhängigkeit von meinem Willen. Es muss ein Außen dasein, und meine Augen müssen dienen, es zu sehen. Auch hier entspringen die Intentionen zu Bewegungen aus dem System meiner Triebe und werden von ihm erhalten in einem Zusammenhang von Bedürfnis und Befriedigung.

Dilthey nennt dieses ›Erleben einer Kraftäußerung‹ die »Innenseite« unserer Wahrnehmungen, Vorstellungen und Denkvorgänge. Und es ist diese sinnliche Erfahrung der Hemmung, die das Objekt mit vollem Leben begabt! Dieser Kern, die »Innenseite unserer Wahrnehmungen«, wird gleichsam »umkleidet« von den Empfindungsaggregaten und Denkvorgängen; so entsteht aus dem Willen die im Körper erscheinende Person, aus dem Widerstehenden das Objekt. Die Permanenz, die Wiederholbarkeit und die vom eigenen Willen unabhängigen Gesetzmäßigkeiten des Wirkens verstärken dann nur noch den Realitätscharakter, den die Vorstellungen für uns haben.Sie werden schließlich zu einer uns umfangenden Gewalt, einem undurchlässigen Netz, das uns der Außenwelt versichert.

Aus der Erfahrung von Impuls und Widerstand entsteht so eine Mannigfaltigkeit physischer Kräfte, vom einfachen Gegenstand bis zum anderen Menschen – letzterer eine besondere Klasse von Objekten,da hier das seelische Sein des Gegenüber durch Analogieschlüsse vom körperlichen Ausdruck auf Seelenvorgänge erfasst werden kann. Ein beständiger leiser Wechsel von Druck, Widerstand und Förderung läßt uns fühlen, daß wir niemals allein sind;die Möglichkeit des Nachbildens eines fremden Innern befähigt uns zu Mitgefühl und Solidarität und lässt uns den anderen ebenso als Selbstzweck mit gleichberechtigten Ansprüchen wie als den uns Verwandten begreifen. Die erste Erfahrung der „vollen Realität“ des anderen wird dem Kind in der Mutter gegenwärtig, aber auch in den geschichtlichen Vorgängen sieht Dilthey nichts anderes als eine Vielfalt von Willenseinheiten wirken. Geschichte ist eine Kette aus Kampf oder Solidarität der Willen; Herrschaft, Abhängigkeit und Verband sind Willenstatsachen.

Der Philosoph ist überzeugt: Wenn die empirische Analyse das Eigenleben der Willen und ihre Verknüpfungen ignoriert, bleibt sie der leeren Abstraktion verhaftet.Dagegen setzt er die sinnliche Intensitätserfahrung: Die Dinge sind ihm, im Gegensatz zu Helmholtz, kein bloßes Zeichen, sondern erlebte Wirklichkeit – ein Gedanke, der auch paradigmatisch für die ästhetisch-künstlerische Wahrnehmung dieser Zeit ist (siehe auch: Rainer Maria Rilke). Diltheys Ansicht bleibt nicht unwidersprochen: Wilhelm Wundt (n.a.) wird gegen dessen Wahrnehmungsthese und ihre lebensphilosophisch orientierte Betonung eines triebgesteuerten Voluntarismus´ Widerspruch einlegen.


Christine Emig
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