Helmholtz´ Theorie des Sehens

Helmholtz distanziert sich in seinen Schriften von der Vorstellung, wir würden unsere Umwelt als Abbild der Wirklichkeit wahrnehmen, etwa im Sinne einer camera obscura.

camera obscura

 

Alternativ zu den Abbildtheorien entwickelte er die Theorie der zeichenhaften Wahrnehmung der Außenwelt. Das Bild der Außenwelt, welches im Bewusstsein des Menschen erzeugt wird, werde durch gelernte Zuordnungsregeln konstruiert. Helmholtz sieht zwischen der Qualität des äußeren Objektes und der Qualität der Sinnesdaten also ein zeichenhaftes Entsprechungsverhältnis: »Insofern die Qualität unserer Empfindung uns von der Eigenthümlichkeit der äußeren Einwirkung, durch welche sie erregt ist, eine Nachricht giebt, kann sie als ein Zeichen derselben gelten, aber nicht als ein
AbbildInspiriert sind diese wegweisenden Ideen Helmholtz` zweifelsohne von den Arbeiten seines Lehrers Johannes Müller. Lange Zeit habe man, so Helmholtz, analog zur camera obscura an eine fotographische »Lichtentwickelung im Auge« geglaubt. Johannes Müller habe gezeigt, dass dies nicht der Fall sei, so könne prinzipiell z.B. auch Druck das menschliche Auge affizieren und Lichtempfindungen im Gehirn hervorrufen (z.B. durch Druck auf den Augapfel!).

Glaubte Johannes Müller noch an die Existenz spezifischer Sinnesneurone für die einzelnen Sinnesqualitäten, formulierte Helmholtz erstmals die revolutionäre Idee eines neutralen neuronalen Codes (siehe auch:Aktionspotentiale). Prinzipiell fühle das Auge »dieselben Ätherschwingungen« als Licht, welche die Haut als Wärme fühle. Der Zugang zur Wahrnehmung liege laut Helmholtz in einer Entschlüsselung des über Aktionspotentiale codierten und fortgeleiteten Lichteindruckes im Gehirn. Hermann von Helmholtz spricht weiterhin explizit von »Gedächstnisresten früherer Erfahrungen«, welche die korrekte Zuordnung optischer Eindrücke ermöglichten. Eindrücke seien also im Gedächtnis nicht wahl- und sinnlos abgespeichert, sondern immer in einem bestimmten Sinn- bzw. Zeichenzusammenhang. Dieser Sinn könne nun einem entsprechenden Eindruck zugeordnet werden (z.B. dem »Eindruck« eines Apfels das »Wort und die Bedeutung« von Apfel). Allerdings müsse hierzu logischerweise eine Konstanz der Eindrücke und der Zeichenzuordnung gegeben sein. Die Bedeutung der Zeichen müsse, so Helmholtz, durch Erfahrung erlernt werden. Helmholtz führt hierzu das Beispiel der kindlichen Sprachentwicklung an. Auch das Kind lerne »die Bedeutung der Worte und Sätze nur durch Beispiele der Anwendung«, also durch Erfahrung, kennen. In diesem Zusammenhang seien nun auch die Gesichtsempfindungen zu deuten. Im Gegensatz zu den 24 Buchstaben des Alphabetes vermöge es die Gesichtsempfindung (mit ihren schätzungsweise 250.000 hieran beteiligten Nervenfasern) jedoch ein »unendlich viel reicheres System von Combinationen herzustellen, als mit den wenigen Buchstaben.« Die »Sprache unserer Sinne« gebe uns im Gegensatz zur Sprache »außerordentlich viel feiner abgestufte und reicher individualisierte Nachrichten« von der Außenwelt als die Worte.

Die Abbilder auf der Netzhaut vermitteln uns also, so Helmholtz, höchstens »Nachricht« von der Außenwelt. Die weitere Ausdeutung dieser Abbilder übernehme das Gehirn. Allerdings unterliegt auch dieser Wahrnehmungsvorgang einer strengen Kausalität. Zeichen müssen keine Ähnlichkeit mit dem haben, dessen Zeichen sie sind. Dennoch betont Helmholtz, dass die Zeichen der Außenwelt nicht etwa »leerer Schein« seien, sie seien eben »Zeichen von Etwas«. Auch die zeitliche Abfolge eines Geschehens könne kausal wahrgenommen werden. Helmholtz betont zwar den Konstruktcharakter unserer Wirklichkeit, er entlässt jedoch keinesfalls die Zeichen aus einer rigorosen Gesetzmäßigkeit, im Gegenteil: »Da Gleiches in unserer Empfindungswelt durch gleiche Zeichen angezeigt wird, so wird der naturgesetzlichen Folge gleicher Wirkungen auf gleiche Ursachen auch eine ebenso regelmäßige Folge im Gebiete unserer Empfindungen entsprechen.« Helmholtz führt hierzu an, dass die Gesetze der Kausalität die menschliche Wahrnehmung steuern. Auch im Traum werde die Gültigkeit dieser Gesetze immer wieder unter Beweis gestellt. Die Abstraktionsleistungen des Gehirns schafften so imaginierte Raum-Zeit-Zusammenhänge (siehe auch Artikel:Subjektives Bild ).

Helmholtz ist demnach weit entfernt von einer subjektivistischen Auflösung der Wirklichkeit in reine Konstruktion. Er leitet sogar den Begriff der Wirklichkeit von der gesetzmäßigen Einwirkung der Außenwelt ab!

Anstelle einer originalgetreuen Abbildung etwa im Sinne einer camera obscura sind bei Helmholtz zeichenhafte Entsprechungen getreten, eine »Semiotik des Sehens«. Grundlage ist allerdings auch weiterhin die Unterscheidung zwischen mechanistischer Empfindung am Sinnesorgan einerseits, und andererseits der verstandesmäßigen Wahrnehmung im Gehirn (durch den »Geist« oder die »Seele«). Erst Forscher wie der Physiologe und Physiker Ernst Mach stellten auch diesen Zusammenhang in Frage.


Daniel Ketteler // Empfohlene Zitierweise