Spurensuche auf der »Insel«.
Fragen zu Benn und Meyer

Der Artikel»Erkenntniskritische Modelle – einmal anders. Semi Meyer und Gottfried Benn« zeigt, wie weit die Theorien Meyers Eingang in Benns Rönne-Novelle »Die Insel« gefunden haben. Die folgenden Zitate und Fragen sollen den Blick auf weitere Details der Verquickung lenken, aber auch aufzeigen, welche Bereiche der Novelle sich mit Hilfe der Theorien Meyers nicht mehr erschließen lassen. Wir laden Sie ein, sich bei Ihrer Lektüre der »Insel« von den folgenden Passagen anregen zu lassen.

»Die Psychologie hatte den Begleitcharakter des Gefühls zu den Empfindungen erkannt, den ihnen zustehenden generellen Wert der Abwehr des Schädlichen in genauen Kurven festgelegt, die Anlesbarkeit der individuellen Differenzen war vollendet. Die Erkenntnistheorie schloß ab, mit der Erneuerung Berkeleyischer Ideen einem Panpsychismus zum Durchbruch zu verhelfen, der dem Wirklichen den Rang kondensierter Begriffe in der Bedeutung geschlechtlich besonders betonter Umwelt zum Zwecke bequemer Arterhaltung zuwies. Dies alles gilt als ausgemacht, sagte sich Rönne. Dies wird seit Jahrfünften gelehrt und hingenommen Wo aber blieb die Auseinandersetzung innerhalb seiner selbst, wo fand die statt? Ihr Ausdruck, das Sprachliche, wo vollzog sich das?«

Fragen:
Welche erkenntniskritischen Modelle betrachtet Rönne hier?
Aus welchen Gründen wird Rönnes intellektuelle Reflexion über Erkenntnis zur Erkenntniskrise?
Welche Bedeutung hat dabei die Sprache für Rönne?

»Tiefer warf er sich über seine Bücher, hämmernd seine Welt. Aber wie? In den angesehendsten naturwissenschaftlichen Journalen konnten neuerdings Raum finden, ja anerkannt besprochen werden Arbeiten dieses eigentümlichen Inhalts?
Das Werk eines unbekannten jüdischen Arztes aus Danzig, der wörtlich über die Gefühle aussagte, daß sie tiefer reichten als die geistige Funktion? Daß das Gefühl das große Geheimnis unseres Lebens sei und die Frage nach der Entstehung unbeantwortbar?? Um es vollends zu Ende zu denken: das Gefühl gehöre nicht mehr zu den Empfindungen? […]
Rönne atmete tief. War dies etwa schon eine neue Wissenschaft, die nach ihm kam? […]
Trat er vor eine Rachen, und die Schwellung war bedrohlich – war sie intuitiv coupierbar? mußte er sich nicht zusammenraffen zu analytischen Phänomenen, Empirien, zielstrebigen Gesten, dem ganzen Grauen bejahrter Wirklichkeiten, zu einer Hypothese von Realität, die er erkenntnistheoretisch nicht mehr halten konnte, um des Kindes willen, das schon blau war, des Rachens halber, der erstickte, und der Geld abwarf und von Amts wegen?«

Frage:
Welchen Ausweg aus der Krise findet Rönne?

Rönne erlebt seine Arzttätigkeit als problematisch:
»Unter Gedanken, wie die freie Zeit, die ihm nach Erledigung seiner Dienstpflichten zur Verfügung stand, zweckmäßig zu verwenden sei, welches ihr Sinn sei in Hinsicht des Staates und der Person, schritt er aus. Er atmete tief die reine Seeluft ein, die schmächtige Brust ihr entgegen spülend, dem Gesundheitlichen, das die bekanntermaßen dem Wanderer bot, willig hingegeben. Eins fühlte er sich mit dem Geiste, der ihn hier herberufen und gestellt, der sich ohne Zaudern zur Sicherstellung der vorwärtszielenden bürgerlichen Verrichtung entschloß; der dem Schutze galt, die die Öffentlichkeit dem strebenden Bemühen schuldete, mit einem Wort: der die Ausmerzung des Schädlings anstrebte, ohne jedoch selbst hier außer acht zu lassen das allgemein Menschliche noch des Gefallenen und in einer Art stummer Anerkenntnis des großem allumschließenden Bandes des Seelischen schlechthin nicht die Vernichtung wollte, sondern den Arzt beigab.«

Fragen:
Was ist Rönnes spezifische Auffassung von der Tätigkeit als Arzt? Wie wird diese Auffassung sprachlich dargestellt? Welches Menschenbild wird durch das Vokabular (z.B. »Ausmerzung des Schädlings«) evoziert?
Welchen »Geist« apostrophiert Rönne hier? Wie hängt dieser »Geist« mit der Erkenntnisproblematik zusammen?

»Aus Ereignissen des täglichen Daseins und Rennberichten spielt der psychische Komplex sich ab. Es tritt auf das Befremdende, das Abweichende, ja bis zum Widersprechenden stellt es sich ein. Wachgerufen wird in den Bewußtseinsabläufen das Bestreben, das Ungeklärte zu entwirren, das Zweifelhafte sicherzustellen, der Überbrückung des Zwiespalts gilt das Wort. Es tritt die Erfahrung hervor, Beweis und Abwehr gibt sie die Hand; und die Beobachtung, hier und da gemacht, wenn auch nicht eindeutig, soll sie völlig wertlos sein? Schon weicht das Dunkle. Schon glättet sich das Krause, und daß kein Widerspruch mehr besteht, nun blau es herab. Immer blaut bald etwas herab, zum Beispiel der Kalbsbraten, den doch jeder kennt. Jäh tritt er an einem Stammtisch auf, und es ranken sich um ihn die Individualitäten. Geographische Besonderheiten, Eigentümlichkeiten des Geschmacklichen werden hervortreten, der Drang zu Nuance um ihn sein. Es wird branden der Streit und das Erschlaffen, den Angriff und die Versöhnung um den Kalbsbraten, ein Entfesseler der Psychischen.
Und das Morgendliche, wem begegnet es? Einer Frau, die sich außergewöhnlich in der Frühe erhebt; alle Kühle und sein Tau rinnen in das Wesen, das schreitet. Weiterleitung tritt ein, ein Ausruf wird erfolgen, Bestände von Erzählungen über frühe Gänge wurden gebildet: - überall stehen die Verarbeitungsbehälter und was war und wird, ist längst geschehen. Wann gab es Umströmte? Ich muß alle denken, ich muß alles zusammenfassen, nichts entgeht der logischen Verknüpfung. Anfang und Ende, aber ich geschehe. Ich lebe auf dieser Insel und denke Zimtwälder. In mir durchwächst sich Wirkliches und Traum. Was blüht der Mohn, wenn er entrötet; der Knabe spricht, aber der psychische Komplex ist vorhanden, auch ohne ihn. –
Die Konkurrenz zwischen den Associationen, das ist das letzte Ich – dachte er und schritt zur Anstalt, die auf einem Hügel am Meere lag. Hängt aus meiner Tasche eine Zeitung, ein buchhändlerisches Phänomen, bietet es Anknüpfungen zu Bewegungsvorgängen an Mitmenschen, sozusagen zu einem Geschehnis zwischen Individualiäten. Sagt der Kollege, Sie gestatten das Journal, liegt ein Reiz vor, der wirkt, ein Wille, der sich auf etwas richtet, motorische Konkurrenzen, aber jedenfalls immer das Schema der Seele, die Vitalreihe ist es, die die Fallen stellt.
Wir sind am Ende; fühlte er, wir überwanden unser letztes Organ. Ich werde den Korridor entlang gehen, und mein Schritt wird hallen. Denn muß er nicht hallen? Jawohl das ist das Leben, und im Vorbeigehen ein Scherzwort an die Beamtin? Jawohl, auch dies! - «

Fragen:
Wie funktioniert – Rönne zu Folge – der psychische Komplex?
Was geschieht innerhalb des psychischen Komplexes mit dem Befremdenden, dem Abweichendem, dem Widersprechenden?
Was meint Rönne mit »nun blau es herab«?
Unter welchen Bedingungen, in welchen Situationen gesteht Rönne dem Herabblauenden bzw. dem Herabblauen Raum ein?

Für Meyer sind die Empfindungen genaue, wenn auch nicht mechanische Antworten auf einen Außenreiz (Reflexbogen vs. Empfindungsqualität).

Frage:
Inwiefern widerspricht dieses Schema der von Rönne geforderten »neuen Syntax«, wie sie in der folgenden Passage dargestellt wird?

»Rönne lebte einsam seiner Entwicklung hingegeben und arbeitete viel. Seine Studien galten der Schaffung einer neuen Syntax. Die Weltanschauung, die die Arbeit des vergangenen Jahrhunderts erschaffen hatte, sie galt es zu vollenden. Den Du-Charakter des Grammatischen auszuschalten, schien ihm ehrlicherweise notwendig, denn die Anrede war mythisch geworden.
Er fühlte sich seiner Entwicklung verpflichtet und die ging auf Jahrtausende zurück.
Die Umgestaltung der Bewegung zu einer Handlung unter Vorwegnahme der Zieles lag im Unentschleierbaren, wo der Mensch begann.«

Rönne nimmt an, dass die bestehende Syntax seiner Sprache nicht der Weltanschauung adäquat ist, »die die Arbeit des vergangenen Jahrhunderts erschaffen hatte«. Die Vorstellung, dass der grammatische Bau einer Sprache die Weltansicht des in ihr Redenden zugleich ausdrückt und bedingt, findet sich in der Sprachphilosophie W. v. Humboldts. Hierin scheint also eine Gemeinsamkeit zwischen dem Ansatz Rönnes und dem Humboldts zu liegen. In seiner Abhandlung »Ueber den Dualis« legt Humboldt seine These dar, dass »in dem ursprünglichen Wesen der Sprache ein unabänderlicher Dualismus [liegt], und die Möglichkeit des Sprechens selbst [...] durch Anrede und Erwiderung bedingt [wird]«. Selbst bei innerer intellektueller Tätigkeit spreche der Denkende zu sich selbst wie zu einem Anderen. Die Bedingtheit der Sprache durch die Wechselrede ist Humboldt zufolge z.B. ablesbar an der grammatischen Unterscheidung der Personalpronomina erster, zweiter und dritter Person. Die Differenzierung zwischen »Du« und »Er«, und nicht nur zwischen »Ich« und »Er«, als dem »Nicht-Ich«, wird hier in dem Sinn bedeutsam, dass das »Du« im Gegensatz zum »Er« nicht kategorial verschieden ist vom »Ich«. Es teilt mit dem »Ich« als gleichwertiges, ebenfalls denkendes und sprechendes Gegenüber den gemeinsamen Handlungsraum in der Welt, zu der das »Er« als Objekt des Handelns gehört. Sprache ist in dieser Bestimmung ein genuin gesellschaftliches Phänomen, das die Erkenntnismöglichkeiten des Menschen bedingt.

Fragen:
Was kann in Hinsicht auf den Standpunkt Humboldts das von Rönne angestrebte Ziel, den »Du-Charakter des Grammatischen auszuschalten«, weil die »Anrede [...] mythisch geworden [war]«, bedeuten? Oder ist die zu Beginn unterstellte Gemeinsamkeit zwischen den Ansätzen doch eine sehr begrenzte?

»›Mohn, pralle Form des Sommers‹, rief er, ›Nabelhafter: Gruppierend Bauchiges, Dynamit des Dualismus: Hier steht der Farbenblinde, die Röte-Nacht. Ha, wie Du hinklirrst! Ins Feld gestürzt, Du Ausgezackter, Reiz-Felsen, ins Kraut geschwemmt, – und alle süßen Mittage, da mein Auge auf Dir schlief letzte stille Schlafe, treue Stunden – – An Deiner Narbe Blauschatten, an Deine Flatterglut gelehnt, gewärmt, getröstet, hingesunken an Deine Feuer: angeblüht!: nun dieser Mann –: auch Du! Auch Du! – – An meinen Randen spielend, in Sommersweite, all mein Gegenglück – und nun: wo bin ich nicht?‹«

Fragen:
Was wird der Haltung des Arztes entgegengesetzt? Kunst? Wahnsinn?
Besitzt Rönnes besondere Syntax, wie sie auch in diesem Beispiel deutlich wird, ästhetischen Wert?

Meyer schreibt: »Entwicklung ist immer fertig und doch nie zuende«. Er stellt die »Vorwegnahme des Zwecks in einer Vorstellung« als eine genuin »menschliche Geistesbetätigung« dar.

Frage:
Können wir hier eine Verbindung sehen zu »Die Umgestaltung der Bewegung zu einer Handlung unter Vorwegnahme der Zieles lag im Unentschleierbaren, wo der Mensch begann.«

In der Novelle finden sich fast wörtliche Meyer-Zitate. Zum Vergleich folgende Passagen:
Meyer: »Als in der Urentwicklung zwei lebensfähige Keime sich zusammentaten, da war die Kraft der Neuschöpfung und der Vermannigfaltung in das Leben eingeführt. […] Der Zusammentritt von Einheiten ist in der Generationsfolge fortgesetzt in Gestalt der Zweigeschlechtlichkeit. […] Jede Befruchtung enthält den Keim oder doch die Möglichkeit eines unerhört Neuen.«
Die Insel: »Jede Befruchtung enthielte den Keim eines unerhört Neuen, der Zusammentritt von Einheiten war in der Generationsfolge fortgesetzt in der Gestalt der Zweigeschlechtlichkeit, und in ihr galt es, die gewaltige schöpferische Macht anzuerkennen, die das Leben zur Höhe erhoben hatte?« (S. 31)

Fragen:
Welche Funktion hat die Zweigeschlechtlichkeit in der Novelle? Ist sie vielleicht ein Weg, schöpferisches Potential zu erschließen und/oder dem, was Meyer »das Leben« nennt, näher zu kommen?
Mit seiner »neuen Syntax« verfolgt Rönne das Ziel, das Du aufzuheben, »denn die Anrede war mythisch geworden.« Besteht hier ein Widerspruch zum Prinzip der Zweigeschlechtlichkeit? Und, im Blick auf den Schluss der Novelle: Welche Rolle weist Rönne der Frau zu?

»Tat es etwas, daß die Insel klein war, übersehbar von einem Hügel, ein Streifen Stein zwischen Möwen und Meer – es gab das Gefängnis da mit den Sträflingen, daran Arzt zu seine er ausersehen, und dann gab es Strand, eine große Strauchwiese voll Gezwitscher, ein Vogelhort [...]. Ein Rachen war bepinselt, einer Meineidigen das Knie massiert, da erhob sich Rönne und verließ das ummäuerte Gehöft. Davor lag weißer Strand; darauf blühte Hafer und Distel; denn der Sommer war über das Meer gekommen wie ein Gewitter: der Himmel donnerte von Bläue und es goß Wärme und Licht.« (S. 23)

Fragen:
Auf welche Weise drückt Rönne die Naturempfindungen aus? Stehen sie in einem Verhältnis zur Arzttätigkeit im Gefängnis? Was bewirkt die Anschauung der Natur bei Rönne?

Nach der Engführung der »Insel« mit den Theorien Meyers möchten wir den Blick noch auf mögliche Bezüge zu anderen Texten lenken.

In »Was bedeuten asketische Ideale?« , der dritten Abhandlung von Nietzsches Genealogie der Moral, werden zwei Menschentypen vorgestellt: die starken Menschen, die ihre körperlichen Triebe ungehindert ausleben, und die schwachen. Bei diesen haben sich die Triebe in ihr Gegenteil, in sogenannte asketische Ideale verkehrt: in Duldsamkeit und Selbstlosigkeit statt Aktivität und Egoismus. Auch die Wahrheit ist laut Nietzsche ein asketisches Ideal, erwachsen aus dieser Verkehrung von zu schwachen körperlichen Trieben in ihr Gegenteil.

Wir haben unsere »Spurensuche« mit Rönnes Resümee über Erkenntnistheorie begonnen. Einen Abschnitt davor heißt es in der Novelle: »zwischen Hunger und Liebe war der dritte Trieb getreten. Aus dem schlechten Atem der Asketen, aus ermatteten Geschlechtlichkeiten [...] wuchs sie hervor, die Erkenntnis, Hekatomben röchelnd nach der Einheit des Denkens.«

Frage:
Welche Auswirkung haben die Parallelen zur »Genealogie« auf die Bewertung von Rönnes Erkenntnisstreben?

Schon in der »Geburt der Tragödie« wird die angeblich interesselose Erkenntnis hinterfragt und in Beziehung zu Instinkten gesetzt. Nietzsches Jugendwerk kritisiert die Leugnung und Verdrängung des dionysischen Kunsttriebes durch Philosophie und Wissenschaft.

Frage:
Lassen sich Nietzsches Begriffe des Dionysischen und Apollinischen auf die Novelle anwenden?


Patricia Derek, Bianca Lenertz, Sebastian Maiwald, Silke Peters, Nadine Schneiderwind // Empfohlene Zitierweise