Von der Biologie zur Weltanschauung

Jakob von Uexküll nennt die Erforschung der Merk- und Wirkwelten eine »subjektive Biologie«. Obgleich er die Trennung zwischen subjektiver Umwelt und physikalischem Universum konstatiert, ist er jedoch weit davon entfernt, den subjektiven Umwelten Objektivität abzusprechen, gar die Wirklichkeit der Welt des Geistes in Abrede zu stellen. Ganz im Gegenteil. Er formuliert seine Umweltlehre als ein Gegenmodell zu der physikalischen Natursicht. Für ihn ist die Wahrnehmungswelt als Produkt der organischen Triebkräfte nicht zurückführbar auf die von außen einwirkenden physikalischen Reize bzw. Schwingungen; daß sie es nicht ist, garantiert ihre eigene, unhinterfragbare Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit ist ebensowenig solipsistisch. Denn zum einen ordnet Uexküll den gleichen Subjekten auch gleiche Umwelten zu. Wichtiger ist ein zweites Argument. Subjektive Biologie vollendet in seinen Augen die Naturerkenntnis. Subjektive Biologie ist für ihn aber unlöslich mit der objektiven Biologie verbunden, unter der er die Erforschung der Struktur eines Organismus, seiner Zweckmäßigkeit und seines Bauplans versteht. Das heißt: Die Art und Weise, wie ein Lebewesen Gegenstände strukturiert, formt und qualitativ erlebt, ist nicht beliebig, sondern ist abhängig von seinem Bauplan. »Bauplan« wiederum ist für Uexküll ein immaterieller Faktor, welcher den Funktionszusammenhang eines Organismus beherrscht. Er ist das »Ganze«, welches allen »Teilen« eines Lebewesens bis zum kleinsten Teilchen seiner Zellen vorausliegt, und so steht auch seine Umwelt immer in einem zweckmäßigen Verhältnis zu allen seinen übrigen Fähigkeiten. Planmäßig also bauen sich die Umwelten auf.

Uexküll verbindet mit seiner Biologie eine Botschaft – »Bausteine zu einer biologischen Weltanschauung« lautet denn auch der Untertitel seiner Aufsatzsammlung von 1913. Gegenbilder: Welt-Anschauung um 1900 Er verteidigt die Wirklichkeit des Unsichtbaren und Ideellen. Jeder Gegenstand, der in der Umwelt eines Tieres durch das Zusammenwirken von Merkzeichen und Wirkzeichen entstehe, ist ihm ein unsichtbares Gebilde, das chemisch oder physikalisch nicht zu greifen sei; jede Umwelt ist ihm in all ihrer biologischen Realität eine unsichtbare Welt. Diesem weltanschaulichen Impetus folgend überträgt Uexküll sein biologisches Modell auf den Bereich des Menschen. Ein gleiches Ineinandergreifen von subjektiven Umwelten und objektivem Plan und Zweckmäßigkeit herrsche auch hier, allerdings sei die Verflechtung nicht nur Tatsache, sondern auch Aufgabe und könne aus der Balance geraten:

So entsteht im Menschen die feste, freudige Zuversicht, daß er für die Welt und die Welt für ihn da ist – ja, daß sie beide zusammen eine wundersame Einheit bilden, die er nicht versteht, deren Schönheit er aber empfindet. / Dieses Gefühl ist völlig berechtigt, denn die menschliche Umwelt paßt zum Menschen genau so gut, wie der Fluß zur Forelle, der Kastanienbaum zum Maikäfer und die Ackerkrume zum Regenwurm. Wie in jedem Lebewesen sich die einzelnen Organe zu einem einheitlichen Organismus zusammenfinden, so bildet der Organismus mit seiner Umwelt zusammen ein zweckmäßiges Ganzes. Qu

In dem Ineinanderwirken so vieler Umwelten sieht er kein zufälliges Spiel, sondern ein großes, vielstimmiges Konzert. Was im einzelnen so planvoll wirkt, sei auch im Großen ein planvolles Ganzes. »Die Erkenntnis dieses Planes ist das einzige, was dem Menschen Zutrauen zum Leben und Sicherheit darüber hinaus zu geben vermag. Denn der Tod ist in diesem Plan als notwendiger Faktor mitenthalten.« Qu »Harmonie« ist die Grundvorstellung, unter der er »Natur« begreift: »Diese Harmonie der Natur, das Zusammenklingen aller Einzelheiten zu einem großen Ganzen, das sich über Raum und Zeit erstreckt«, müsse zum Hauptproblem der Naturwissenschaft werden. Qu

Neben dem »Bauplan« und der »Zweckmäßigkeit« ist noch ein weiteres Konzept zu berücksichtigen, welches die »Umwelten« in einen weltanschaulichen Zusammenhang einbindet. Uexküll steht der vitalistischen Richtung nahe, er teilt mit vielen Intellektuellen der Zeit den emphatischen Begriff des »Lebens«. In der Bildung von »Merkwelten« sieht er die typische Manifestation der Lebenssubstanz, aus der die Organismen entstehen. In den zweckmäßigen Umwelten erlebe sich das Leben selbst auf immer unterschiedliche Art und Weise. Ein Tier werde nicht »gemacht«, sondern entstehe; zustimmend zitiert Uexküll den Ausspruch eines amerikanischen Kollegen: »Ein Tier ist ein bloßes Geschehnis«, Qu und fügt hinzu: »Jedes Tier, jede Pflanze ist nur ein Erlebnis der lebenden Substanz. Und diese Erlebnisse bilden gemeinsam das große Gesamterlebnis, das wir Natur nennen.« Qu Die Naturgesetze, die er als Biologe erforscht, nennt er denn auch »Lebensgesetzmäßigkeiten«.


Monika Fick