Merkwelt, Wirkwelt, Umwelt

Jakob von Uexküll teilt die Welt der Lebewesen – auch die des Menschen – in zwei Hälften, in die Merkwelt und in die Wirkungswelt oder »Wirkwelt«. Die Merkwelt ist die Welt der Merkmale, welche das Lebewesen mittels seiner Sinnesorgane aus den von außen einströmenden Reizen herausfiltert und zu Gegenständen umformt. Die Wirkungswelt gehört zur Außenwelt, in der es sich bewegt, in die es (z.B. bei der Verfolgung der Beute) eingreift und die es mit allen anderen Lebewesen teilt, in die hinein es also wirkt; Uexküll nennt sie auch die Welt der Bewegungsorgane. Zunächst prägte er für die Merkwelt den Begriff »Umwelt«; dieser Begriff hat Karriere gemacht. Später sah er auch die »Wirkwelt« als Teil der Umwelt an und grenzte sie von der allgemeinen Außenwelt ab.

Die »Umwelt« eines Lebewesens stellt Uexküll als eine Schöpfung seiner spezifischen Organisation dar. Der Raum und die Welt, welche die Tiere umgebe, ihre Merk- und Wirkwelt, seien deshalb ein lebendiger Teil ihrer Organisation, ihre Wahrnehmung sei aktiver Lebensvollzug. In pointierter Umkehrung der gewohnten Auffassung bezeichnet Uexküll die rezeptorischen Organe als die eigentlichen »Weltbildner«, die effektorischen (die Werkzeuge zum Eingreifen in die Außenwelt) als die »Weltbearbeiter«. In einem genauen Funktionszusammenhang durchdringen sich – nach Uexküll – Bauplan, Qu Merkwelt, Wirkwelt und Lebensbedürfnis. Fraglos gilt für das Tier: Es ist, was es sieht. Denn es nimmt nur das wahr, was funktional auf seine Lebensweise bezogen ist: »Jedes Subjekt spinnt seine Beziehungen wie die Fäden einer Spinne zu bestimmten Eigenschaften der Dinge und verwebt sie zu einem festen Netz, das sein Dasein trägt.« Qu Wesentlich zur Festigkeit dieses Netzes trage dabei die Wirkwelt bei, die sich mit der Merkwelt zur Umwelt ergänzt. Die Wirkwelt sei an die Handlungen eines Tieres gebunden und abhängig von der Leistung der effektorischen Organe und Gliedmaßen. Uexküll spricht von »Wirkbildern« und »Wirktönen«, die durch den Gebrauch eines Gegenstands entstehen, das »Merkbild« modifzieren, ja, ihm erst seine Bedeutung geben. »Wenn wir die Wirkbilder zur Ausmalung der Umwelten uns ferner stehender Tiere ausnutzen wollen, so müssen wir uns stets vor Augen halten, daß sie die in die Umwelten projizierten Leistungen der Tiere sind, die den Merkbildern durch den Wirkton erst ihre Bedeutung verleihen.« Qu Und am Beispiel einer Zecke: »werden wir sagen dürfen, daß bei den drei Reizen, die der Zecke als allein bedeutungsvoll von ihrer Beute zugehen, die Bedeutung von den (mit den Reizen verbundenen) Wirktönen, [nämlich] des Herabfallens, des Umherlaufens und des Einbohrens, stammt. Gewiß spielt die auswählende Tätigkeit der Receptoren, die das Einfallstor der Reize darstellen, die führende Rolle, aber erst der Wirkton, der mit den Reizen verbunden wird, verleiht ihm die unfehlbare Sicherheit.« Qu Je mehr Leistungen ein Tier ausführen könne, desto größer werde die Zahl der Gegenstände, mit denen es seine Umwelt bevölkere.

Die »Umwelt« ist für v. Uexküll auch räumlich verfaßt – einen »von den Subjekten unabhängigen Raum gibt es gar nicht«, der »allumfassende Weltraum« sei eine bloße Fiktion. Qu Auf der Seite der »Merkwelt« ergibt sich die Differenzierung in den Sehraum, den Tastraum und den Gehörraum, auf der Seite der »Wirkwelt« spricht Uexküll von dem »Wirkraum«, den man als den von der körperlichen Organisation eines Lebewesens geschaffenen Bewegungsraum sich vorstellen muß. Uexküll zeigt, wie zum Beispiel die Koordinaten des dreidimensionalen Raumes auf einem Ordnungsschema des menschlichen Leibes und dessen Bewegungsrichtungen beruhen (oben-unten; vorn-hinten; recht-links); Dreidimensionalität setze überdies ein spezifisches Sinnesorgan voraus, das beim Menschen im inneren Ohr gelegen ist, die sog. Bogengänge.


Monika Fick