Seifenblasen im physikalischen Universum

Der Biologe Jakob von Uexküll gilt als einer der Begründer einer »biologischen Erkenntnislehre«. Vertreter des Radikalen Konstruktivismus wie Ernst von Glasersfeld Qu oder Gerhard Roth Qu reihen ihn unter ihre Vorläufer ein. Uexküll, der ein eifriger Kant-Leser war, versteht sein Konzept einer »Umwelt« als Antwort auf die physikalische Entdifferenzierung des Universums. Der physikalischen Wirklichkeit stellt er die Realität der »Umwelten« gegenüber, für welche die Wechselwirkung von »Subjekten« und »Gegenständen« konstitutiv ist  – wieder begegnen wir dem Topos von »Sinne und Synapsen«. Hier einige Beispiele aus Uexkülls populärwissenschaftlichen Schriften: 

Das Ziel, dem alle Chemiker und Physiker zustreben, ist: die Außenwelt von allem subjektiven Beiwerk zu reinigen, das erst durch den Menschen in die Welt hineingetragen wird. Ist dieses entfernt, so bleibt als einzige objektive reale Grundlage nur noch – die Bewegung materieller Teilchen im Raum. Keine Qualitäten, nur Quantitäten herrschen in der wirklichen Außenwelt. Eine ungeheure, sich immer gleichbleibende Summe gleicher materieller Teilchen führt mit ungeschwächter Energie einen ewigen Tanz auf. / [...] / Damit ist festgestellt, daß die wirkliche physikalische Außenwelt, die allein von unabänderlichen Bewegungsgesetzen beherrscht wird, nur Gruppen gleichartiger bewegter Teilchen enthält. Sie entbehrt aller Qualitäten, wie Töne, Farben usw. und ermangelt selbst aller Einheiten, die wir | als Gegenstände ansprechen könnten. Denn unter einem Gegenstand verstehen wir immer eine Einheit, die aus verschiedenen Qualitäten zusammengesetzt ist und daher niemals unter eine mathematische Formel gebracht werden kann. Qu

Die Natur besteht aus Gegenständen und ein jeder Gegenstand ist sowohl ein Produkt unseres Seelenlebens, als auch zugleich die Veranlassung zu dieser Produktion. Wie wir uns erinnern, sind es rein materielle Reizgruppen, die auf uns einwirken. Sie werden durch uns in Gegenstände verwandelt und diese Gegenstände werden als außer uns liegende Reizursachen aufgefaßt. / Dieser merkwürdige Charakter der Gegenstände ist äußerst zweckmäßig, wenn man sich vergegenwärtigt, welche Aufgabe die Gegenstände im Leben des Menschen zu lösen haben. Das Subjekt ignoriert alle gleichgültigen Reiz|gruppen des riesigen Universums und sucht sich bloß diejenigen Gruppen heraus, die für sein Leben wichtig sind. Diese Gruppen werden aber nicht bloß quantitativ voneinander unterschieden, wie sie es nach Ansicht der Physiker in der Wirklichkeit sind, sondern sie werden zu qualitativ-verschiedenen Einheiten umgeformt, die nun allein für das betreffende Subjekt die Welt bevölkern. / Es leuchtet unmittelbar ein, wie fundamental verschieden die Welt vom Standpunkt zweier Subjekte aussehen muß, wenn die Subjekte verschieden sind. Leider haben wir nur die Möglichkeit, unsere eigene Merkwelt zu beschauen, die in all ihren Teilen unser subjektives Produkt ist. / Jeder von uns ist allein berechtigt, zu sagen: 'Meine Merkwelt besteht aus meinen Gegenständen', und nur soweit wir als Subjekte gleich sind, dürfen wir von der Gleichheit unserer Gegenstände reden. / Das Studium dieser Gegenstände und ihrer Beziehungen zum Subjekt ist die erste Grundlage einer wirklichen Naturerkenntnis. Qu

Dann wird er aber die Tiere nicht mehr als bloße Objekte, sondern als Subjekte ansprechen, deren wesentliche Tätigkeit im Merken und Wirken besteht. / Damit ist aber bereits das Tor erschlossen, das zu den Umwelten führt, denn alles, was ein Subjekt merkt, wird zu seiner Merkwelt, und alles, was es wirkt, zu seiner Wirkwelt. Merkwelt und Wirkwelt bilden gemeinsam eine geschlossene Einheit, die Umwelt. / Die Umwelten, die ebenso vielfältig sind wie die Tiere selbst, bieten jedem Naturfreunde neue Länder von solchem Reichtum und Schönheit, daß sich ein Spaziergang durch dieselben wohl lohnt, auch wenn sie sich nicht unserem leiblichen, sondern nur unserem geistigen Auge erschließen. / Wir beginnen einen solchen Spaziergang am besten an einem sonnigen Tage vor einer blumenreichen Wiese, die von Käfern durchsummt und von Schmetterlingen durchflattert | ist, und bauen nun um jedes der Tiere, die die Wiese bevölkern, eine Seifenblase, die ihre Umwelt darstellt und die erfüllt ist von allen jenen Merkmalen, die dem Subjekt zugänglich sind. [...] Eine neue Welt entsteht in jeder Seifenblase. Qu

Die Vögel, die umherflattern, die Eichhörnchen, die auf den Zweigen hin und her hüpfen, oder die Kühe, die auf der Wiese weiden, sie alle bleiben dauernd von ihrer den Raum abschließenden Seifenblase umgeben. Qu

Hermann Graf Keyserlings Zusammenfassung von Uexkülls Umweltlehre liest sich wie eine Popularisierung des philosophischen Grundgedankens von Maturanas und Varelas Biologie der autopoietischen Systeme. Qu Keyserling schreibt: »[...] unsere Welt ist der Ausschnitt der Wirklichkeit, der uns kraft unserer Organe zugänglich ist. Nichts | kann daher interessanter und belehrender sein als die möglichen Weltbilder anders gearteter Organismen zu erforschen und zu konstruieren, zu prüfen, wie sich ihre Welt zur unsrigen verhalten mag.« Qu Im Mittelpunkt von Uexkülls Umweltlehre stehen die Deu­tung der Sinnesorgane als »Weltbildner«, die Koppelung der »Wirkwelt« an die Leistungen der Bewegungsorgane und die Identifikation von »Wahrnehmung« und »Seinsweise«, eine Identifikation, die Maturanas und Varelas Gleichsetzung von »Kognition« und »Existenz­« durchaus präfiguriert.

Eine Erläuterung zu Uexkülls Umweltmodell
finden Sie in den drei Kapiteln
Merkwelt, Wirkwelt, Umwelt.
Von der Biologie zur Weltanschauung.
What is it like to be a bat?


Monika Fick