Bölsche: Das Liebesleben in der Natur

Da außen rollt alles ab in dem grenzenlosen Gewebe von Raum und Zeit. Von innen kommt zu diesem Ganzen ein Sinn.

Wilhelm Bölsche nimmt die Trennung von »Innen« und »Außen« als Hindernis für die »Sinnstiftung« ins Visier. Im Liebesleben in der Natur weist er auf die mit der Sinneswahrnehmung eingetretene Distanzierung zwischen dem Menschen und dem Universum hin, namentlich die Sinne des Auges und des Ohres seien Distanz-Sinne.

Die Sinnesorgane Auge und Ohr rissen die große Distancewelt der Lichtwellen und Schallwellen auf. Mit der Lunge kam das Organ der eigenen Erzeugung von Schallwellen hinzu. Diese Distanceorgane wurden aber doppelt wichtig, da gleichzeitig die Bewegungsorgane, Flossen, Füße, Flügel, Hände, das Einzelindividuum, die ›Person‹, mehr und mehr vom ›Haften an der Scholle‹ befreiten und wirklich auf Distancen einschulten. Nun zu allem das rapide Wachsen des Überlegens, des Denkens, des Schließens im Gehirn: die Schallwellen werden zur Verständigungssprache benutzt, die Hand formt Werkzeuge ... aus dem Nebel taucht gerade auf diesem Wege das Tier der Tiere: der Mensch. Das äußerste, höchste Distancewesen der uns bekannten Welt ist ausgesucht dieser Mensch.

Unentwegt entwirft er Bilder von den Zeiträumen der Evolution und der räumlichen Ausdehnung des Universums, die deren Ungeheuerlichkeit vor Augen führen sollen. Ein Ausschnitt aus dem Inhaltsverzeichnis der 11. Folge: »Wie der Mensch wurde. – Der Mensch als Nebelfleck. – Ein Sprung aus dem Fenster. – 1500 Millionen kleine Monde der Erde. – H2O. – Das Märchen der Vulkaninsel. – Tier oder Pflanze? – Der erste Mund. – Die Weisheit des Afters. – ›Dem Wurme gleich‹ ich, der den Staub durchwühlt.‹ – Der Mensch als Fisch und Molch. – [...] Von der Eidechse zum Affen.« Angesichts dieser Unendlichkeiten werde der Mensch zwar zum Nichts, besitze jedoch im ›Entwicklungsgedanken‹ ein verklärendes Heilmittel:

Aus dem ›Nichts‹ kommt ihr, ins ›Nichts‹ geht ihr. Dieses ›Nichts‹ zu verklären mit dem ewigen Entwickelungsgedanken, in ihm das Ganze zu ahnen, von dem wir nur die zufälligen paar Querschnitte sehen, durch die gerade unsere Existenzphase eben durchschneidet, – das ist zuletzt die wesentlichste Aufgabe aller Naturerkenntnis, aller Weltanschauung.

»Der Mensch als Nebelfleck« – »Der Mensch als Fisch und Molch«: Bölsche setzt dem Gedanken der Fremdheit des Universums denjenigen einer universalen Einheit entgegen, wobei der Mensch als Maß der Dinge gilt. Einheit stifteten die Naturgesetze, Einheit stifte vor allem die Evolution. Deren Triebkraft stelle die Liebesvereinigung dar. In der ewigen Abfolge der Generationen realisiere sich in zunehmendem Maße das Streben des Menschen nach Harmonie und Glück. Die Schau – ein Leitwort der Mystik-Schrift – des Ganzen, das Erlebnis also der Einheit der unendlichen Räume und Zeiten, sei von der naturwissenschaftlichen Forschung selbst legitimiert. Bölsche bemüht den modernen Gedanken von der Relativität des Raumes und der Zeit, als deren psychisches Pendant er die ›erlebnishafte‹ Versenkung in die evolutionäre und letztlich harmonische Einheit des Universums hinstellt:

Hierzu ist zunächst noch zu sagen, daß die ganze Idee, daß Zeit und Raum in gewisser Sicht etwas relatives, bloß eine ›Anschauungsform‹ seien, längst nicht mehr außerhalb der Naturforschung liegt. Seit Kant liegt sie streng darin. Bei ihm schon ist sie aufgegriffen und durchgeführt mit streng wissenschaftlicher, sagen wir ruhig: mit naturwissenschaftlicher Methode. Ich brauche den Namen Helmholtz in diesem Zusammenhang nur zu erwähnen. Die exakte Physiologie arbeitet längst im Rahmen dieser Probleme, muß sich immerfort mit ihnen auseinandersetzen.

Das Ziel der Darbietung ist es also, den Gedanken der Einheit der Natur und der Harmonie des Menschen mit der Natur, die beide nicht unmittelbar wahrgenommen werden können, sinnfällig zu machen. »Einheit« hat Priorität vor der Differenzierung. Im Liebesleben in der Natur wird der Distanz-Sinn des Auges und die Entfaltung der Sinneswahrnehmung – die Evolution der Organismen zu immer komplexeren Lebensformen – grundsätzlich von der Liebesvereinigung her erklärt, von der Zellverschmelzung und den Kräften der Attraktion. Unter Berufung auf das Prinzip der Evolution, die durch den Zeugungsakt vorangetrieben werde, suggeriert Bölsche einen Zusammenhang zwischen Partnerwahl, Heraus-differenzierung der Sinnenwelt und »wahrer«, objektiver Natur, welcher Zusammenhang »Sinn« verspreche, da seine treibende Kraft Glücksverlangen und Sehnsucht nach Harmonie sei.

Aus dem ›Nichts‹ kommt ihr, ins ›Nichts‹ geht ihr. Dieses ›Nichts‹ zu verklären mit dem ewigen Entwickelungsgedanken, in ihm das Ganze zu ahnen, von dem wir nur die zufälligen paar Querschnitte sehen, durch die gerade unsere Existenzphase eben durchschneidet, – das ist zuletzt die wesentlichste Aufgabe aller Naturerkenntnis, aller Weltanschauung.

Was ist hier gedanklich passiert? Die Natur wird zum »Ganzen« synthetisiert. Auffallend ist die Ausgrenzung des Hässlichen und des Todes bei Bölsche. Die sexuelle Anziehung gilt ausschließlich als Quelle von Kraft und Gesundheit; die Gefährdungen des Unbewussten kommen nicht in Betracht. Die Apotheose des »Liebeslebens« will ein Gegenentwurf zum »Recht des Stärkeren« in der Natur sein, in Wahrheit jedoch läuft der Harmoniegedanke auf die Durchsetzungskraft des Stärkeren, Überlebensfähigen hinaus. Letztlich handelt es sich bei diesem Entwurf einer Sinngebung, bei dieser »Weltanschauung«, um eine Affirmation des Bestehenden, eine Affirmation bestehender – bürgerlicher? – Vorstellungen von Glück, Gesundheit, Erfolg, Stärke und Schönheit (trotz aller provokativen Befreiung der Sexualität); in letzter Konsequenz ist es eine Theorie der Anpassung. Und: Die Prinzipien der Sinngebung sind eben nicht wissenschaftlich! Die Wissenschaftlichkeit ist erschlichen!

Diesem inhaltlichen Befund entsprechen die Techniken der Darbietung, entspricht die Darstellungs- und Wahrnehmungsform dieser Texte. Intendiert ist die Veranschaulichung der riesigen Horizonte, die sich dem Menschen aufgrund der naturwissenschaftlichen Forschung eröffnet haben, bei Bölsche der unvorstellbaren Zeiten der Evolution. Jedoch: Wie bei der »weltanschaulichen« Botschaft Wissenschaftlichkeit und Nähe zur Empirie lediglich vordergründig suggeriert werden, so erweist sich die Anschaulichkeit der von Bölsche entworfenen Szenerien als Schein. Das Einzelne verschwindet in der »Schau« des Ganzen. Thomé hat den Überblick über das große Ganze, das jedoch nur ein gedankliches Konstrukt ist, als die grundlegende ›Wahrnehmungsform‹ der Weltanschauungsliteratur herausgearbeitet. Vergleichbar ist die Suggestion von Empathie, die derjenigen von Anschauung parallel läuft. Bölsche beschwört nicht nur das Liebesleben der Heringe, sondern auch das der Atome, Moleküle und Zellen. Hier wird nicht der Erlebnishorizont des Menschen erweitert, sondern menschliche Gefühle werden in das Fremde projiziert: »Der Mensch als Fisch und Molch«.

Bölsches Weltanschauungs-Modelle sind ein Beispiel für die Überdeckung des Risses zwischen »Sinnenwelt« und »Außenwelt«. »Wahrnehmung« wird zur »Anschauung« und diese wird zur Abstraktion, die Prinzipien der Abstraktion sind Vereinheitlichung und (simplifizierende) Harmonisierung des Verhältnisses von Mensch und Natur; das Fremde und Andere der Natur wird verschwiegen. Wenn wir den Blick adoptieren, den Werner Hofmann auf die gleichzeitigen Umbrüche in der Bildenden Kunst richtet: Die »Wahrnehmungsform« der Weltanschauungsliteratur bleibt »monofokal«, unreflektiert anthropozentrisch, unreflektiert wirklichkeitsgläubig.


Monika Fick // Empfohlene Zitierweise