Neurogene Leier

»[...] es geht nirgends etwas vor; es geschieht alles nur in meinem Gehirn.« Qu1 Dieser Satz stammt nicht von Gerhard Roth, sondern von Gottfried Benn; er macht deutlich, worin die heutige Aktualität und Faszinationskraft Benns besteht: Der Arzt und Dichter gelangt zu Formulierungen, die den neurophysiologisch begründeten Konstruktivismus, wie er namentlich von Gerhard Roth propagiert wurde, vorwegzunehmen scheinen. Das »Ich« ist für Benn der »Träger[] der rein phänomenalen Welt«; Qu2 »Bewußtseinsträger« lautet die Anrede an das lyrische Ich in dem zweiten Gedicht aus der Reihe Betäubung. Qu3 Und hinter dem »Ich« steht, so scheint es die von Benn benutzte Metaphorik nahezulegen, das »Gehirn«, das aus den chemisch-physikalischen Reizen eine imaginäre Welt »erzeugt«.

Die Beschwörung der (angenommenen) Diskrepanz zwischen der bunten Sinnenwelt, der »Umwelt« des Menschen, und der »eigentlichen Wirklichkeit« der chemisch-physikalischen Elemente gehört seit Gustav Theodor Fechners (pfeilchenleerGegenbilder: Welt-Anschauung um 1900) Dramatisierung der Spaltung zu den Topoi populärwissenschaftlicher Schriften. Im Zuge der sinnesphysiologischen Forschungen scheint sich mehr und mehr zu enthüllen, wie Nerven und Gehirn, der körperliche Wahrnehmungsapparat,  diese Diskrepanz verursachen. Nahe läge es nun, hier eine Chance für die Entfesselung schöpferischer Kraft zu sehen. Der Mensch – wird er nicht verstanden als schaffend, erzeugend, konstruierend bis in die Wurzeln seiner physischen Existenz? Zudem scheint diese Biologie eine Legitimation amimetischer Kunst zu implizieren, die das abbildende, nachahmende Verhältnis zu einer scheinbar vorgegebenen Wirklichkeit sprengt. So jedenfalls hat es der Kunsttheoretiker Konrad Fiedler gesehen, der nicht nur eine  »Philosophie des Impressionismus« entwickelte, sondern auch die künstlerische Darstellung vom Inhalts- und Gegenstandsbezug abkoppelte. Die abstrakte künstlerische Gestaltung (z.B. Benns »Wirklichkeitszertrümmerung«) ließe sich deuten als Potenzierung der mit der sinnlichen Wahrnehmung beginnenden Wirklichkeitserzeugung und -konstruktion. In diese Richtung zeigen Benns Apostrophen an das Gehirn als das wahrhaft schöpferische Organ, welches »Welten« produziere: »Ein so kleines Organ [...], das es fertigbrachte, die Pyramiden und die Gammastrahlen, die Löwen und die Eisberge nicht nur anzugehen, sondern sie zu erzeugen und zu denken«. Qu4 »Diese Herberge von Rudimenten und Katakomben [gemeint ist das Gehirn] brachte von Anfang an alles mit, es war nicht auf Eindrücke angewiesen, es produzierte sich selbst, wenn man es rief.« Qu5 Und: »eine Wirklichkeit rein aus Gehirnrinde«. Qu6 Das Gehirn wird zum Organ des künstlerischen Prozesses: »gewisse Gehirne realisieren in gewissen Zeitabständen ihre Träume, die Bilder des großen Urtraums sind, in rückerinnerndem Wissen. Diese Realisation vollzieht sich in ›Stein, Vers, Flötenlied‹, dann entsteht Kunst; manchmal nur in Gedanken und Ekstasen.« Qu7 Heutige Interpreten haben in dem »Solipsismus« der Bennschen Gehirnträume eine Antizipation der zirkulären Struktur selbstorganisierender Systeme erkannt. Qu8

Doch so einfach läuft die Analogisierung zwischen sinnesphysiologischen Befunden, deren philosophischer Interpretation und dem Verständnis künstlerischer Arbeit bei Benn nicht. Ein Indiz dafür: Das »Gehirn« ist bei Benn nicht nur das Organ schöpferischer Prozesse, sondern das zentrale Nervensystem erscheint auch als eine Reflexmaschine (wie zum Beispiel in der Novelle Die Insel; pfeilchenleerSpurensuche auf der »Insel«) – je nachdem, aus welcher Perspektive man es betrachtet, aus mechanistischer oder einer alternativen Perspektive, die mit a-kausalen, nicht-rationalen Zusammenhängen rechnet. Den Reduktionismus, der die phänomenale Welt und die Imagination als gehirnerzeugte Illusionen verbucht, ordnet Benn der mechanistischen Perspektive zu. Das ständige Changieren zwischen beiden Perspektiven macht zum Beispiel die sinnstiftende Ambivalenz der folgenden Passage aus der Novelle Gehirne aus: Rönne, der Arzt, reflektiert über das Gehirn: »er kenne diese fremden Gebilde, seine Hände hätten sie gehalten. Aber gleich verfiel er wieder: sie lebten in Gesetzen, die nicht von uns seien und ihr Schicksal sei uns so fremd wie das eines Flusses, auf dem wir fahren. [...] um zwölf chemische Einheiten handele es sich, die zusammengetreten wären nicht auf sein Geheiß, und die sich trennen würden, ohne ihn zu fragen.« Qu9 Wie eine fremde, ungreifbare Macht bestimmt das Gehirn das Wirklichkeitserleben Rönnes. Aus der einen Perspektive resultiert dies aus einem neurophysiologischen Befund: »um zwölf chemische Einheiten handele es sich [...]«. Aus der anderen wird das »Gehirn« zum Teil eines enigmatischen Zusammenhangs, in dem es »Schicksale« und fremde Flüsse gibt, angedeutet im Satzrhythmus und in den biblischen Anspielungen: sein Reich ist nicht von dieser Welt ... . 

Es stellt sich die Frage: Welche Rolle spielen die Hinweise auf das Gehirn in Benns Lyrik? Soll – z.B. in desillusionierender Absicht – die Imagination als Funktion der Gehirnaktivität bewußt gemacht werden? Sollen die glanzvollen Bilder, die Evokation sinnhaften Seins und die Träume archaisch-gotterfüllten Lebens auf das, was sie »eigentlich« sind, nämlich Gehirnprozesse, zurückgeführt werden? Wird ein Wechselspiel von Illudierung und Desillusion in Gang gehalten?

Oder zeugt ein solches Verständnis lediglich davon, daß wir heutigen Leser im Bann der Formel »das Gehirn konstruiert« stehen, nicht aber Benn und die vielschichtige Wirklichkeit seiner Gedichte? Qu10

Die in »Sinne und Synapsen« entwickelten Analysen gehen von folgender These aus: In der Bennschen Lyrik wird die alternative Perspektive zum neurophysiologisch begründeten Konstruktivismus greifbar und bildet deren formatives Prinzip. Sie ist ausschließlich sprachlich verfaßt – »heute ist der Satzbau / das Primäre.« Qu11 Sie ist eine moderne Perspektive, der »späte Blick« Qu12 eines »späten«, »verlorenen« Ichs. Sie erzeugt (oder: bringt zur Erscheinung) im vielstimmigen Ganzen des je einzelnen Gedichts eine ihr entsprechende poetische Wirklichkeit. Qu13 Die Entsprechung, das reziproke Verhältnis von wahrnehmender bzw. erlebender Instanz (»lyrisches Ich«), sprachlichem »Ausdruck« (ein zentraler poetologischer Terminus Benns) und erscheinender Wirklichkeit (Bilder, Imaginationen, Visionen), ist das je neu zu erschließende Konstitutionsprinzip jedes einzelnen Gedichts.


Monika Fick // Empfohlene Zitierweise