Toxische Inspiration: »Betäubung«

Betäubung, Nr. II

D i r – von Sonnenblumen,
abgeloschnem Beet,
dir von Altertumen,
das zur Rüste geht,
Vendraminpalästen,
tödlichem Lagun,
wo das Herz in Resten
und die Blicke ruhn –

Dämmerungen – keine
Allgemeintendenz,
manchmal rührt ihn eine
leise Immanenz,
ihn, den Selbsterreger,
Stern und Sternentraum,
den Bewußtseinsträger
stumm im Eigenraum.

es sind reife Tage,
Ausgang von August,
fast Phäakensage,
Asphodelentrust,
nirgends mehr Begründung
oder Geistesstrahl –
dir –, o Selbstentzündung,
tödliches Fanal. Qu1

Im semantischen Zentrum des Gedichts stehen die Vokabeln »Selbsterreger«, »Bewußtseinsträger«, »Eigenraum«, »Immanenz« und »Selbstentzündung«. Es handelt sich um grundlegende Konzepte der Bennschen Dichtungstheorie. Sie gehören in den Kontext der »Wirklichkeitszertrümmerung« und »Zusammenhangsdurchstoßung«, die Benn als Lyriker propagierte. Er stellt der nach rationalen Kriterien konstituierten Wirklichkeit – dem Wirklichkeitsbegriff der Wissenschaften – die Realität der Kunst gegenüber, einen »Eigenraum«. In der modernen, entzauberten Welt muß der Künstler zum »Selbsterreger« werden, da die Alltagswirklichkeit und die wissenschaftlich begriffene Wirklichkeit Qu2 keine Stimulantien für eine poetische Vision bereithalten. Die Überschrift der Reihe gibt der »Selbstentzündung« einen anderen Namen: »Betäubung«. Berühmt ist das Gedicht Kokain; in der Reihe Betäubung ist von »Zersprengungen« der Stirn (Nr. III), von »Lücken« »im Haupt« und »Traum des Kranken« (Nr. IV), von »Zersetzung« (Nr. V) und von »Giftempfängnis« (Nr. I) die Rede. Benn rekurriert damit auf einen Topos modernen Dichtungsverständnisses, nämlich die Decouvrierung künstlerischer Inspiration als Resultat des Drogenkonsums. Schnell ist man mit der Schlußfolgerung bei der Hand: In der »Selbstentzündung« und »Selbsterregung« werden diejenigen Gehirnzellen stimuliert (Nr. V: »trunken cerebral«), die dann die umstrickenden Visionen hervorspielen (»Sonnenblumen«, »Stern und Sternentraum«); diesen Prozeß der poetischen Schöpfung artikuliere das Gedicht.

Doch was ist mit dieser Erklärung erreicht? Wenn der Poet biochemische Inzitamente (und natürlich auch bestimmte Gehirnzellen) benötigt, was besagt das über das Resultat? Und wie weit trägt diese Erklärung bei dem Versuch, das Gedicht mit seiner schwierigen Syntax und seinem komplexem Sprachmaterial, seinem Ausdruck, zu verstehen?

»Selbstentzündung« wird in unserem Beispiel nicht als Erklärung, sondern als Rätsel vorgeführt. Den Gedanken der »Autopoiesis« konterkariert das »Dir«, das in exponierter Stellung erscheint. An die Spitze des (jeweils unvollständigen) Satzes gesetzt, bildet es den Auftakt der ersten Strophe, wird anaphorisch verstärkt in der dritten Zeile und leitet die Schlußzeilen (3. Strophe) ein. Das lyrische Ich erscheint hier nicht in der Subjektposition, sondern in der Form des Empfangenden (der Dativform), an ihm geschieht etwas. Es wird berührt: von den »Dämmerungen« (2. Strophe), die sich von den beschworenen Dingen (1. Strophe) lösen. Auch in der zweiten Strophe, die den »Raum« der Immanenz evoziert, den »Eigenraum« des Bewußtseins, bleibt der Sinnakzent des Berührtwerdens erhalten: »manchmal rührt ihn eine / leise Immanenz«. So inszeniert vor allem die zweite Strophe das akausale Zugleich von Selbstberührung und der unfaßbaren Fülle des poetischen Gesichts, das nur empfangen werden kann, da es aus den Zirkeln der Selbstberührung nicht ableitbar ist: »Stern und Sternentraum«. »[N]irgends mehr Begründung«, lautet die Verheißung der dritten Strophe.

Das Gefüge von erlebender Instanz (»Selbsterreger«) und berührender bzw. erscheinender ästhetischer Wirklichkeit hat jedoch noch eine weitere Ebene. »Dämmerungen« strömen von den Dingen aus – das lyrische Ich ist ausgesprochen todessichtig. Insgesamt handelt es sich (auch) um ein Herbstgedicht: »es sind reife Tage / Ausgang von August«; die Asphodelen sind Todesblumen (3. Strophe); die Sonnenblumen der ersten Strophe stehen in »abgeloschnem Beet«; das »Herz« ist zu »Resten« zerfallen, »und die Blicke ruhn«. Mit der herbstlichen Jahreszeit ist der Herbst der Zeiten, die (geschichtliche) Spätzeit assoziiert: »dir von Altertumen, / das zur Rüste geht, / Vendraminpalästen, / tödlichem Lagun«. Als »tödliches Fanal« wird schließlich die »Selbstentzündung« apostrophiert. Diese Todessichtigkeit erzeugt aber nun den spezifischen Zauber, das eigentümliche Pathos einer erhöhten lyrischen Wirklichkeit. Sie erzeugt Qualität und Intensität, da sie das wissenschaftlich-rational bewältigte Leben ebenso als nichtig ›entlarvt‹ (»[T]rust«; Notwendigkeit der »Selbstentzündung«), wie sie die Isolation, historische Bedingtheit (Spätzeit) und zeitliche Begrenzung des poetischen Traums reflektiert. Das Gedicht verdeckt die Gebrochenheit moderner Existenz nicht, im Gegenteil: Fast in jeder Wendung findet sich diese Gebrochenheit, kippt die Betörung um in Desillusion. Im Gedichtganzen jedoch erscheint die Desillusion nicht nur als Kehrseite, sondern als integriertes Element jener 'erhabenen' lyrischen Wirklichkeit, die an das qualitativ ausgezeichnete, todessichtige lyrische Ich gebunden ist. Sie realisiert sich in den opulenten Bildern und Klängen, besonders aber in dem Rhythmus, der buchstäblich alles trägt und seinem Wellenschlag anverwandelt. So wird der ambivalente Schluß zum triumphalen Akkord: »dir –, o Selbstentzündung, / tödliches Fanal«. Qu3


Monika Fick // Empfohlene Zitierweise