(Ent-)Differenzierungen: »Trunkene Flut«

Trunkene Flut

Trunkene Flut,
trance- und traumgefleckt,
o Absolut,
das meine Stirne deckt,
um das ich ringe,
aus dem der Preis
der tiefen Dinge,
die die Seele weiß.

in Sternenfieber,
das nie ein Auge maß,
Nächte, Lieber,
daß man des Tods vergaß,
im Zeiten-Einen,
im Schöpfungsschrei
kommt das Vereinen,
nimmt hin – vorbei.

dann du alleine
nach großer Nacht,
Korn und Weine
dargebracht,
die Wälder nieder,
die Hörner leer,
zu Gräbern wieder
steigt Demeter,

dir noch im Rücken,
im Knochenbau,
dann ein Entzücken,
ein Golf aus Blau,
von Tränen alt,
aus Not und Gebrest
eine Schöpfergestalt,
die uns leben läßt,

die viel gelitten,
die vieles sah,
immer in Schritten
dem Ufer nah
der trunkenen Flut,
die die Seele deckt
groß wie der Fingerhut
sommers die Berge fleckt.
Qu1

Wie (sehr) viele Gedichte Benns thematisiert Trunkene Flut den poetischen Schaffensprozeß. Das Vokabular macht dies unmittelbar deutlich: »im Schöpfungsschrei« (2. Strophe), »eine Schöpfergestalt« (4. Strophe); ein »Preis«gedicht auf die »tiefen Dinge« (1. Strophe) ist im Entstehen. Die ersten beiden Worte zielen auf dionysisch-rauschhafte Seinserfahrung und sie zitieren mehrere berühmte Gedichte, machen eine literarische Tradition bewußt. Qu2

Was aber sind die »tiefen Dinge«? Auf einer Ebene läßt das Gedicht die Welt des Mythischen wieder aufleben. Dies gilt vor allem für die dritte Strophe. Ihre zentralen Elemente: »Nacht«, Opfer von Korn und Wein, Demeter und Gräber evozieren eleusinische Mysterienkulte, Dionysos (»Wein«) verschmilzt mit Fruchtbarkeits- und Muttergottheiten; sie evozieren eine von Bachofen und Bäumler geprägte Sicht archaischer griechischer Religion. Qu3 In der vierten und fünften Strophe, die sich mythopoietisch lesen lassen, wird das sinnstiftende Moment mythischer Lebenserfahrung akzentuiert (»aus Not und Gebrest / eine Schöpfergestalt, / die uns leben läßt«).

Das Erstaunliche an dem Gedicht ist nun, mit welcher sprachlichen Meisterschaft das Mythische mit dem Erlebnismodus des lyrischen Subjekts verflochten wird. Das »Absolut[e]« wird mit der »Stirne« verbunden, und zwar so, daß Agens und Patiens, (grammatisches) Subjekt und Objekt austauschbar scheinen. »[D]eckt« die Stirne (Nominativ) das Absolute (Akkusativ), oder verhält es sich umgekehrt? Erlebnismodus und Außenraum fließen in den Zeilen ineinander: »in Sternenfieber, / das nie ein Auge maß«. Das messende Auge bezieht sich auf den Raum der Sterne, die Wendung »in Sternenfieber« jedoch unterwirft den Raum dem (»fiebrigen«) Erleben. Doppeldeutig ist schließlich der »Preis / der tiefen Dinge«. Sowohl der Gesang auf die Dinge als auch die Belohnung mit ihnen ist gemeint – die Dinge selbst treten hervor, und sie zeigen sich zugleich als Effekte der lyrischen Sprache. Das bedeutet jedoch, daß das »Vereinen« »im Schöpfungsschrei« (2. Strophe) nicht auf eine Entdifferenzierung hinausläuft, auf eine Regression zu illusionärer Identität im All-Einen. Immer bleibt in dem Gedicht transparent, daß erscheinende Wirklichkeit und rauschhafter Erlebnismodus zusammengehören. Dieser Erlebnismodus erzeugt eine Verflüchtigung, ein Verfließen der verfestigten Formen des Seins, er erzeugt Übergänge, an denen neue Formen entstehen können. In der Entgrenzung kristallisieren sich die Elemente zu neuer Schöpfung.

Insbesondere die Zeitstruktur macht die Verflüchtigung als Bedingung neuer Schöpfung deutlich – der Blick für das Ende, für die kontinuierliche Auflösung durchdringt alle Evokationen der Fülle. So wie »im Zeiten-Einen« der Augenblick zur Ewigkeit wird, so währt zugleich alle Ewigkeit immer nur einen Augenblick. Das Gedicht stürzt von einem Ewigkeitsmoment zum nächsten: »im Schöpfungsschrei / kommt das Vereinen, / nimmt hin – vorbei. // dann [...] / nach großer Nacht«. Die gesamte dritte Strophe steht unter dem Vorzeichen des »Vorbei«, die mythische Realität wird als Vergangenheit lebendig. Korn und Wein sind dargebracht, die Hörner sind leer, Demeter kehrt zu den Gräbern zurück. Höchst kunstvoll verbindet sich allerdings der Aspekt des bereits Vergangenen mit der Zeitlosigkeit der Vergegenwärtigung. Das lyrische Ich sieht das Ende der mythischen Zeit und sieht die Vision mythischen Seins versinken; zugleich stellen die Zeilen die Einheit von Leben und Tod dar, die nach Bachofens und Bäumlers Verständnis in den Fruchtbarkeitskulten inszeniert und verehrt wurde: »zu Gräbern wieder / steigt Demeter«.

Den Höhepunkt dieses Prozesses bildet der Übergang zur vierten Strophe, in welcher aus dem Strom der Gestalten die neue Schöpfung sich konturiert. Mit dem Satz »Demeter steigt« sind zwei Richtungsangaben verbunden: »zu Gräbern wieder« (3. Strophe) und »dir noch im Rücken, / im Knochenbau« (4. Strophe). Die sprachliche Fügung dementiert die Leib-Seele-Dichotomie; die Vision wirkt im Leib weiter, sie reorganisiert das Nervensystem und bewirkt so einen neuen Blick, eine neue Überwältigung; der Außenraum wird Erlebnisraum: »dann ein Entzücken, / ein Golf aus Blau«.

Die letzte Strophe führt zum Beginn zurück. Auch die beschworene Schöpfergestalt wird wieder versinken: »immer in Schritten / dem Ufer nah / der trunkenen Flut, / die die Seele deckt«. Die Schlußzeilen bannen die Bewegung der Entgrenzung in ein wunderbar schwebendes Bild. Noch einmal scheint sich der schöpferischen Instanz (der »Seele«, die die »Flut« deckt) eine große Wirklichkeitserscheinung zuzuordnen, durchdringen sich Erlebnis und Außenraum: »groß wie der Fingerhut / sommers die Berge fleckt.« Doch ist »fleckt« ein Echo auf »traumgefleckt« (1. Strophe), und das sommerliche Panorama dient nur als Vergleich: »wie«. In dem Moment also, in dem das Gedicht an sein Ende gelangt und somit eine erneute Auflösung der geschaffenen Gestalt nicht mehr möglich ist, wird das poetische Bild im wie-Vergleich entwirklicht und entdinglicht, die Auflösung also in es selbst hineingetragen. Diesem Schwebezustand zwischen Evokation und Versinken entspricht das artistische understatement. Der Fingerhut ist nicht gerade »groß«, wenigstens nicht im landläufigen Sinne; gleichwohl »entzückt« die Vorstellung sommerlicher Fingerhut-Wiesen nicht weniger als der »Golf aus Blau«. Ein kolloquialer Ton schwingt auch in der zweiten Strophe in der Anrede mit: »Nächte, Lieber, / daß man des Tods vergaß«. Zusammen mit der raschen Folge der einzelnen Schöpfungsmomente, deren schneller Fluß (»Flut«) sozusagen jeglichen Pathosstau verhindert, trägt diese Rücknahme wesentlich zur Balance des Gedichts bei.

Dies alles sind nur wenige Züge der sprachlichen Raffinesse, die Benn in Trunkene Flut anwendet. Wollte man seine Semantik, wie wir sie hier herausgearbeitet haben, auf dürre Sätze reduzieren, ließe sich folgende Zusammenfassung geben. Auch in diesem Gedicht prägt sich, ähnlich wie in Betäubung I-V, ein reziprokes Verhältnis von Erlebnisinstanz und – in Bilder und mythische Reminiszenzen gebannter – ästhetischer Wirklichkeit aus. Auch hier ist die Erlebnisinstanz ausgezeichnet durch ihren Blick für das Ende, die Auflösung, den Tod, welcher jede einzelne Vision grundiert. Ende und Tod, »Not und Gebrest« (4. Strophe), fungieren nicht als Desillusionsmoment, sondern als (eine) Bedingung für den Glanz der Erscheinung. So wird, über die im reziproken Gefüge von Subjekt-Ausdruck-Gegenstand gestiftete Wirklichkeit hinaus, die »trunkene Flut« zum Agens des Gedichts. Ihr entsteigen die einzelnen produktiven Augenblicke, die geschaffenen Dinge und ihre Schöpfer (beides ist in »Schöpfergestalt« enthalten), die organischen Formationen mit ihren psychophysischen Wechselwirkungen (»steigt Demeter, // dir noch im Rücken, / im Knochenbau«). Wir entdecken den grundlegenden Sinn der grammatischen Ambivalenzen: »o Absolut / das meine Stirne deckt« (1. Strophe), »der trunkenen Flut, / die die Seele deckt« (5. Strophe). Es bleibt unentscheidbar, ob die trunkene Flut auf einen Erlebnismodus zurückzuführen ist, »Seele« und Ich also präformierend sind, oder ob hinter allen Erscheinungen die ewige Bewegung sich zeigt, das Fluten des Seins, auf das Benn häufig in seinen Essays anspielt. Qu4 Unentscheidbar, weil beide Alternativen auf das gleiche hinauslaufen. So inszeniert der sprachliche 'Fluß' eine Verschmelzung von Subjekt und Objekt, ohne (darin besteht das Kunststück) das moderne Bewußtsein auszuschalten.


Monika Fick // Empfohlene Zitierweise