Die ›andere‹ Wahrnehmung: »Erlebnis«

Was »Wahrnehmung« im Zeichen des Todes bei Rilke Bewusstseinserweiterung und Daseinserweiterung bedeuten kann, davon vermittelt die Prosaskizze »Erlebnis I/II« (1913) einen Eindruck. Rilke berichtet von einer eigentümlichen Naturerfahrung; er schildert eine Erfahrung, die ganz genau dem zu entsprechen scheint, was Du Prel unter der Herabsetzung der Empfindungsschwelle verstand Spiritismus: Das Jenseits als anders angeschautes Diesseits: Während »er«, an einen Baum gelehnt, sich in einem Zustand des restlosen ‚Eingelassenseins‘ in die Natur befindet, verspürt er ein »niegekannte[s] Gefühl«: »es war, als ob aus dem Innern des Baumes fast unmerkliche Schwingungen in ihn übergingen« (S. 1037). Zwar schreibt er die Schwingungen einer weiter nicht wahrzunehmenden Brise zu, ohne damit eine Erklärung gefunden zu haben, da »der Stamm zu stark schien, um von einem so geringen Wehen so nachdrücklich erregt zu sein.« (S. 1037) Diese Schwingungen erwecken in ihm ein gleichfalls nie gekanntes, noch nie erlebtes Körpergefühl; nie hätten ihn »leisere Bewegungen« erfüllt: »sein Körper wurde gewissermaßen wie eine Seele behandelt«, er wird befähigt, einen Grad von Einfluss aus der Umgebung aufzunehmen, für welchen er vorher, »bei der sonstigen Deutlichkeit leiblicher Verhältnisse« (S. 1037), keine Sinne hatte. So kann er »den Sinn nicht recht feststellen«, »durch den er eine derartig feine und ausgebreitete Mitteilung empfing« (S. 1037). Auch ist sein Zustand nicht eine graduelle Steigerung bisheriger Erlebnisse, sondern von qualitativ anderer Art, er ist »anders als alles andere, aber so wenig durch Steigerung über bisher Erfahrenes hinaus vorstellbar, daß er bei aller Köstlichkeit nicht daran denken konnte, ihn einen Genuß zu nennen.« (S. 1038) Er findet einen Namen für seine Erfahrung: er sei »auf die andere Seite der Natur geraten« (S. 1038). Die »andere Seite« ist zugleich diejenige Seite, die erst im Tod zugänglich wird, umgekehrt ausgedrückt: nur die Todeserfahrung qualifiziert für das Anderssein. Er kommt sich vor wie ein »Revenant« (Wiedergänger), das Ichgefühl ist nicht länger an die Grenzen des Körpergefühls gebunden, sein Körper erscheint »ihm« »nur noch dazu brauchbar, rein und vorsichtig in ihm dazustehen«, von außen ‚tritt‘ »er« in ihn wie in ‚Fortgelegtes‘ ein. Ohne die »andere Seite« räumlich lokalisieren zu können, hat er das Bewusstsein, zum Hiesigen zurückzukehren, den Toten fühlt er sich vertraut: es würde ihn nicht wundern, im Garten auf die längst Verstorbenen des Hauses zu treffen (S. 1039). Dem anderen Zustand auf der anderen Seite der Natur entspricht ein anderes Sehen, eine Perspektivumkehr:

Überhaupt konnte er merken, wie sich alle Gegenstände ihm entfernter und zugleich irgendwie wahrer gaben, es mochte dies an seinem Blick liegen, der nicht mehr vorwärts gerichtet war und sich dort, im Offenen, verdünnte; er sah, wie über die Schulter, zu den Dingen zurück [...]. (S. 1039).

Wollen wir die Blickrichtung exakt nachvollziehen, so gilt es, hier anderes zu sehen als einen Blick zurück über die Schulter. Für uns liegen die Dinge perspektivisch immer vor uns, auch wenn wir zurückblicken; der Blick des Erlebenden in der Prosaskizze ist aber umgewendet in eine andere Dimension. Von diesem seinen ›Standort‹ aus zeigen sich ihm die Dinge »wahrer«, sie »berühren« ihn zwar, aber »aus geistigerem Abstand« und »mit so unerschöpflicher Bedeutung, als ob nun nichts mehr zu verbergen sei.« (S. 1039) Summa summarum: diese Skizze scheint eine geradezu perfekte Umsetzung des du Prelschen Satzes zu sein, dass das Jenseits das »anders angeschaute Diesseits« sei, wobei das »Andere« sich – nach dem Durchgang durch den Tod – mit der Entfaltung neuer sinnlicher Wahrnehmungsorgane eröffne. Zugleich zeigt sich der Unterschied zwischen weltanschaulicher Abstraktion und sprachlicher Konkretion. Du Prel postuliert das »anders angeschaute Diesseits« als einen phantastisch vollkommenen Bereich, kommt aber über die konventionellsten Vorstellungen nicht hinaus, der Tod wird als Akt der Läuterung beschönigt, die »Andersheit« des Jenseits als Vergeistigung der Materie formelhaft gefasst. Rilke gelingt es in seinen Dichtungen, eine ›andere‹ Wahrnehmungsweise vorzuführen, die, von einem verwandelten Subjekt ausgehend, die Dinge in ihrer Eigenart und sinnenhaften Konkretheit beläßt, weshalb sie nicht anthropomorph und konventionell-spekulativ überhöht werden, sondern wahrhaft neu erscheinen (vgl. Fremde Räume ).


Monika Fick // Empfohlene Zitierweise