Rilkes Auffassungen zur Sinnesphysiologie: Beschränkte Organe und schwingendes Universum

Rilke kannte die neuesten Auffassungen zur Physiologie der Sinnesnerven. In einem frühen Aufsatz über die Impressionisten reflektiert er die Syntheseleistung des Auges, das die Farbdaten nach bestimmten Gesetzen mische. Er thematisiert das Sehen wie folgt:

Dabei wurde klar, daß die Lösung dieser Gespräche [zwischen Lokalfarbe und Beleuchtung] erst dadurch geschieht, daß die kleinen Farbenelemente sich im Auge des Beschauers nach bestimmten Gesetzen mischen und daß es heißt, dem Auge eine Arbeit vorwegnehmen, wenn diese Verschmelzung schon auf der Leinwand geschieht. / Man sieht nun, daß die Wahl der Farbenwerte keine willkürliche ist, sondern daß die Meister bewußt jene Gesetze anwenden, welche die Großen vor ihnen in verschiedener Auffassung ahnungsvoll erfüllt haben. Die physikalischen und chemischen Erfahrungen, die naturwissenschaftlichen Fortschritte unserer Tage sind auch der Kunst willkommen; sie helfen ihr zu einer neuen plastischen Sprache. (»Impressionisten«, 1898).

Besonders beschäftigt den Dichter die anscheinende Diskrepanz zwischen den Sinneswahrnehmungen und ihrer Quelle in der Natur »draußen«, das heißt der Wandel von einer Abbildtheorie hin zu einer Symboltheorie der Außenwelt »Wirklichkeit« der Außenwelt. Was uns als Außenwelt erscheine, seien peripherische Schwingungen des Universums. Dabei macht Rilke die Beschränktheit unserer Sinnesorgane verantwortlich für die mangelnde Übereinstimmung:

Die Wissenschaft ist ganz gewiß unterwegs, festzustellen, daß alle diese Erscheinungen [= die Sinnesdaten] peripherische Schwingungen darstellen, welche, von einem gemeinsamen Zentrum ausgehend, uns nur deshalb andersartig zum Bewußtsein kommen, weil unsere beschränkten Organe immer nur Stücke dieses weiten Kreises wahrzunehmen vermögen. (»Moderne Lyrik«, 1898).

Ganz ähnlich thematisiert er in dem späten Aufsatz »Ur-Geräusch« die qualitative Differenzierung der fünf Sinnesbereiche – die Natur werde durch unsere Organe aufgespalten, sie übersteige jedoch unsere Wahrnehmungskreise:

Stellt man sich das gesamte Erfahrungsbereich der Welt, auch seine uns übertreffenden Gebiete, in einem vollen Kreise dar, so wird es sofort augenscheinlich, um wieviel größer die schwarzen Sektoren sind, die das uns Unerfahrbare bezeichnen, gemessen an den ungleichen lichten Ausschnitten, die den Scheinwerfern der Sensualität entsprechen. (»Ur-Geräusch«, 1919).

Rilkes »Sinnenkreis«

 

In dem frühen Aufsatz »Von der Landschaft« (geschr. 1902, E 1932) schließlich wird die »Natur« imaginiert als das »Andere«, das »Teilnahmslose, das keine Sinne hat uns aufzunehmen«; der Mensch, der dies Unbegreifliche begriffen habe, sei aus der Natur herausgetreten: »einsam, aus einer einsamen Welt.«


Monika Fick, Christine Emig // Empfohlene Zitierweise