Der emphatische Naturbegriff des jungen Rilke: Alleinheit im Zeichen der unermesslichen Natur

Meine Blumen werden die Farbe verlieren.
Meine Spiegel werden zufrieren.
In meinen Büchern werden die Zeilen verwachsen.
Meine Vögel werden in den Gassen
Herumflattern und sich an fremden Fenstern verwunden.

Diese Zeilen stammen aus dem Gedicht »Die Blinde« (1900; E 1902). Das lyrische Ich spricht davon, wie die visuelle Welt nun, nach dem Verlust des Augenlichts, absterben wird. Der Zusammenhang scheint klar: Wie der Sehnerv und die Sehzentren im Gehirn »meinen« Gesichtskreis konstituieren, so verschwindet er mit dem Verlöschen des Augenlichts. In beiden Fällen scheint das lyrische Ich in die nur eigene Vorstellungswelt gebannt: »Meine Blumen«, »meine Spiegel«, »meine Bücher«. Doch spätestens mit den Zeilen: »Meine Vögel werden in den Gassen/Herumflattern und sich an fremden Fenstern verwunden« ist die Ich-Zentrierung aufgebrochen, erhalten doch die einst gesehenen Dinge ein unheimliches Eigenleben. Gerade die Eigenart, wie das lyrische Ich die Welt sich organisiert und zu der seinigen gemacht hat, wirkt weiter. All die Dinge, die zu den seinigen geworden sind, gehen nun in die fremden, größeren Horizonte ein. Als poetologische Chiffre verstanden, ist die Erblindung die Chance, die Dinge von einer anderen, unverbrauchten Seite zu betrachten, von einer Seite, in der eine größere, umfassendere Wirklichkeit pulsiert.

Der frühe Rilke setzt auf die unterirdische Einheit von Mensch und Natur. Er vertritt einen emphatischen Naturbegriff; »Natur« ist eine überwältigende Macht, die in ihrer Größe und Fülle jedoch auch das Fremde, Andere darstellt. Als Fremdes steht sie in Zusammenhang mit dem Unbewussten. So schreibt Rilke über die schöpferische Kraft des Künstlers:

Darum, weil die Künstler viel weiter in die Wärme alles Werdens hinabreichen, steigen andere Säfte in ihnen zu den Früchten auf. Sie sind der weitere Kreislauf, in dessen Bahn immer neue Wesen sich einfügen. [...] Niemand kann die Grenzen ihres Seins erkennen. (Über Kunst, 1898).

In den »Briefen über Cézanne« blickt er zurück auf diese Phase:

aber damals war mir die Natur noch ein allgemeiner Anlaß, eine Evokation, ein Instrument, in dessen Saiten sich meine Hände wiederfanden; ich saß noch nicht vor ihr; ich ließ mich hinreißen von der Seele, welche von ihr ausging; sie kam über mich mit ihrer Weite, mit ihrem großen übertriebenenen Dasein, wie das Prophezeien über Saul kam; genau so. Ich schritt einher und sah, sah nicht die Natur, sondern die Geschichte, die sie mir eingab.

Für das Umfassende und Übersteigende setzt Rilke auch Vokabeln aus dem religiösen Bereich ein: »Gott« kann zum Synonym für »Natur« oder »Dasein« werden; die Künstler schüfen Gleichnisse für die »unangewandte Kraft, (d.h. Gott selbst)« (»Marginalien zu Friedrich Nietzsche«, 1900). Oft gerät der frühe Rilke in die Nähe der Weltanschauungsliteratur GegenBilder; in dem Aufsatz »Über Kunst« (1898) bezeichnet er die Kunst als eine »Weltanschauung des letzten Zieles«.

Doch wie ich mich auch in mich selber neige:
Mein Gott ist dunkel und wie ein Gewebe
von hundert Wurzeln, welche schweigsam trinken.
Nur, daß ich mich aus
seiner Wärme hebe,
mehr weiß ich nicht, weil alle meine Zweige
tief unten ruhn und nur im Winde winken.

(»Das Stunden-Buch«, 1899).

Zu Beginn seiner dichterischen Laufbahn überspringt Rilke sehr schnell die Kluft zwischen der sinnlich wahrgenommenen Welt und der fremden und zugleich umfassenden »Natur« und landet auf der Seite der großen, aber dunklen »Einheit«, die er zu versprachlichen sucht – »ich ließ mich hinreißen«, heißt es in den »Briefen über Cézanne«. Mit wachsendem künstlerischem Anspruch geraten jedoch mehr und mehr die konkrete Wahrnehmung und die Einzeldinge in seinen Blick, das heißt die hiesige Welt, die Sinnenwelt. Nur in ihr zeigt sich die »Seele«, die von der Natur ausgeht. Das Problem ist nun: Wie kann dies übergroße Dasein, das »Unbewußte« in und außer uns, in die Sinneswahrnehmung übersetzt und malerisch oder sprachlich dargestellt werden? Die dichterischen Bilder müssen dasjenige spürbar machen, was über sie hinausgeht, ja, was nicht »eingeht« in sie. Der Zeichen- und Gleichnischarakter des sinnlichen Materials muß aufgespürt und transparent gemacht werden. Die zeitgenössischen Erkenntnisse über den Symbolcharakter unserer Sinneswahrnehmungen können hier sehr wohl den Impuls für die Entfremdungsstrategien gegeben haben, die oftmals Rilkes Evokationen sinnlicher Vorstellungen charakterisieren. Doch all das deutet nicht auf »Entwirklichung« oder Entwertung der subjektiv-sinnlichen Wahrnehmung. Denn die Entfremdungsstrategien werden zum Garanten dafür, dass das wahrnehmende Subjekt von der größeren Wirklichkeit, von dem Dasein, das über den einzelnen Ausschnitt hinausgeht, berührt wurde. Denken wir an das Gefüge der Variablen »Verwirklichung«: Ein Gefüge von Beziehungen: Wenn auch die Wahrnehmungen nur »Zeichen« und Symbole sind, so sind doch für Rilke die Wahrnehmungsakte Ausdruck des schaffenden Lebens. In den Abschnitten Wirklichkeit als Subjekt-Objekt-Bezug, Sehen und Sein, Das intrikate Verhältnis zwischen Innenwelt und Außenwelt, Bewusstseinserweiterung und Daseinserweiterung und Fremde Räume sowie in den Beispielanalysen erfahren Sie Genaueres über diese Aufgabe der ›Übersetzung‹, die Rilke als eine handwerkliche Aufgabe auffasste, und die Lösungen, die er gefunden hat.


Monika Fick // Empfohlene Zitierweise