Das schwankende Verhältnis
zwischen Innenwelt und Außenwelt

Der Dichter war »Eines mit allem diesem« (»Der Tod des Dichters«). Für den Rilke der »Neuen Gedichte« (1907) ist solche Einheit jedoch nicht mehr selbstverständlich und fraglos gegeben. »Verzauberte: wie kann der Einklang zweier / erwählter Worte je den Reim erreichen, / der in dir kommt und geht, wie auf ein Zeichen.« Der Beginn des Gedichts »Die Gazelle« umspielt die Trennung von Sprache und wahrgenommenem Gegenstand. So stellt sich die Frage: Was ist denn die spezifische »Umwelt« des Menschen? Bis hin zu den »Duineser Elegien« thematisiert Rilke den Unterschied zwischen der ›Vollendung‹ des Tiers und der durch Reflexion gebrochenen menschlichen Existenz. Wie der Mensch sich der Differenz zwischen Wahrnehmung und dem Ganzen der Natur bewusst ist, so tut sich ihm ein Riss zwischen Innenwelt und wahrgenommener Wirklichkeit auf. Rilke konstatiert immer wieder die Dissonanz zwischen der Erlebnisweise des Menschen und dem, was sich seiner Wahrnehmung, seinem Anschauen zeigt:

Ich denke mir, daß die beiden Vorgänge, des schauenden und sicheren Übernehmens und des Sich-Aneignens und persönlichen Gebrauchens des Übernommenen, sich bei ihm [Cézanne], vielleicht infolge einer Bewußtwerdung, gegeneinander stemmten, daß sie sozusagen zugleich zu sprechen anfingen, einander fortwährend ins Wort fielen, sich beständig entzweiten.

Dramatischer zeigt sich die Spaltung in Gedichten und Gedichtentwürfen. Das »Drinnen« wird gefasst als ein wogendes Chaos, unbegrenzt, unendlich, ohne Vermittlung mit den Gegenständen, die im Gesichtsfeld auftauchen:

Gesicht, mein Gesicht:
wessen bist du; für wasfür Dinge
bist du Gesicht?
Wie kannst du Gesicht sein für so ein Innen
darin sich immerfort das Beginnen
mit dem Zerfließen zu etwas ballt?
Hat der Wald ein Gesicht?
Steht der Berge Basalt
gesichtlos nicht da?
Hebt sich das Meer
nicht ohne Gesicht
aus dem Meergrund her?
Spiegelt sich nicht der Himmel drin
ohne Stirn ohne Mund ohne Kinn?

(»Capreser Aufzeichnungen«, Capri, Ende Dezember 1906).

Sein Bewusstsein, seine »Innenwelt« trennen den Menschen von dem wahrgenommenen Umfeld, das er sich mit seinen Sinnen erschließt bzw. erschließen könnte. So lässt sich die künstlerische »Verwirklichung« bei Rilke bestimmen: für diese Innenwelt ein »Gesicht«, eine »Umwelt« zu schaffen, welches »Gesicht« wiederum durchscheinend bleibt für die dunklen Bereiche, die sich zwischen den »Scheinwerfern der Sensualität« erstrecken.


Monika Fick // Empfohlene Zitierweise