»Schaukel des Herzens«

Zueignung an M......
Geschrieben am 6. und 8. November 1923
(als Arbeits-Anfang eines neuen Winters auf Muzot)

Schaukel des Herzens. O sichere, an welchem unsichtbaren
Aste befestigt. Wer, wer gab dir den Stoß,
daß du mit mir bis ins Laub schwangst.
Wie nahe war ich den Früchten, köstlichen. Aber nicht Bleiben
ist im Schwunge der Sinn. Nur das Nahesein, nur
am immer zu Hohen plötzlich das mögliche
Nahsein. Nachbarschaften und dann
von unaufhaltsam erschwungener Stelle
– wieder verlorener schon – der neue, der Ausblick.
Und jetzt: die befohlene Umkehr
zurück und hinüber hinaus in des Gleichgewichts Arme.
Unten, dazwischen, das Zögern, der irdische Zwang, der Durchgang
durch die Wende der Schwere –, vorbei: und es spannt sich die Schleuder,
von der Neugier des Herzens beschwert,
in das andere Gegenteil aufwärts.
Wieder wie anders, wie neu! Wie sie sich beide beneiden
an den Enden des Seils, diese Hälften der Lust.

Oder, wag ich es: Viertel? – Und rechne, weil er sich weigert,
jenen, den Halbkreis, hinzu, der die Schaukel verstößt?
Nicht ertäusch ich mir ihn, als meiner hiesigen Schwünge
Spiegel. Errat nichts. Er sei
einmal neuer. Aber von Endpunkt zu Endpunkt
meines gewagtesten Schwungs nehm ich ihn schon in Besitz:
Überflüsse aus mir stürzen dorthin und erfülln ihn,
spannen ihn fast. Und mein eigener Abschied,
wenn die werfende Kraft an ihm abbricht,
macht ihn mir eigens vertraut.

Im Zentrum des Gedichts steht die Ergänzung des Halbkreises, den der Schaukelschwung beschreibt (erste Strophe), durch einen imaginären zweiten Halbkreis, der eine vollständige Umdrehung beschreiben würde (zweite Strophe). Dabei bringt Rilke in der ersten Strophe das Kunststück fertig, die sprachliche Bewegung zu einem Analogon für das Zusammenwirken der physikalisch-mechanischen Kräfte beim Schaukeln und das korrespondierende Körpergefühl zu machen. Die Dynamik des Schaukelns beruht auf dem umgekehrt proportionalen Zu- und Abnehmen von Bewegungs- und Lageenergie, in dem Schwung nach oben ist der »Abschwung« bereits enthalten und umgekehrt. Genau dieses Gegen- und Ineinander realisiert sich in der sprachlichen »Verwirklichung« des Gedichts. Auf der einen Seite herrscht die »unaufhaltsame« Bewegung: »Aber nicht bleiben / ist im Schwunge der Sinn« – »vorbei«: Man untersuche die sprachlichen Wendungen, mittels derer Rilke die Verwandlung aller potentiellen Momente des Innehaltens in Bewegung erreicht. Auf der anderen Seite jedoch erweckt Rilke den Eindruck der Gleichzeitigkeit der divergierenden Richtungen. Der »Ausblick« ist da und schon wieder verloren – ja, der Verlust tritt, der syntaktischen Anordnung zufolge, bereits vor dem Gewinn der höchsten Stelle ein, gleichzeitig ist in dem »Und jetzt« der Umkehr schon der Gegenschwung auf die andere Seite enthalten: »zurück und hinüber hinaus in des Gleichgewichts Arme«. Nachgeholt wird der Durchgang durch den tiefsten Punkt, der, als »Wende«-Punkt, die Aufwärtsbewegung aus sich entlässt. Klanglich bilden dies die hellen Vokale und rhythmisch die ›hüpfenden‹ Daktylen in »Wende der Schwere« ab. Zugleich bleibt die »Schwere« in dem Aufschwung präsent: »und es spannt sich die Schleuder, / von der Neugier des Herzens beschwert, / in das andere Gegenteil aufwärts.«

In der zweiten Strophe nun gerät die »andere Seite« in den Blick. Aus dem »vorhandenen« Material baut Rilke die Vision eines Jenseits, ohne auch nur im Geringsten das wahrnehmbare Diesseits zu verlassen. Zunächst müssen wir erkennen, dass es sich bei dem imaginären Halbkreis nicht einfach um die »volle Umdrehung« handelt, die schon zu Rilkes Zeiten jede Schiffschaukel auf dem Jahrmarkt ermöglichte. Der »andere« Ausblick ist nicht der Blick von oben nach unten: »Nicht ertäusch ich mir ihn, als meiner hiesigen Schwünge / Spiegel. Errat nichts. Er sei / einmal neuer.« Eine ganz andersartige Umkehrung des Blicks ist verlangt. Die in Erlebnis geschilderte Wahrnehmungsweise kann zur Erläuterung dienen: der imaginäre Halbkreis ist nicht »durch Steigerung über bisher Erfahrenes hinaus vorstellbar«. Seine Andersartigkeit kommt auch dadurch zum Ausdruck, dass er die Schaukel »verstößt«. Die Vorstellung der vollen Umdrehung wird zum Ausgangspunkt, um dem Unvorstellbaren einen Spielraum zu geben: »Er sei«. Zugleich liegen in der radikalen Trennung die Verbindungslinien verankert. Denn die Wahrnehmung des imaginären Halbkreises als einer Kraft, die verstößt, ist die Leistung des Ichs des Gedichts. Auf dem Höhepunkt der Schwungbewegung nimmt es nicht lediglich die vertrauten physikalischen Energien wahr, sondern ist offen für den Einfluss der anderen Kraft. So kann das Ich den anderen Halbkreis gerade deshalb »hinzurechnen«, »weil er sich weigert«. Ähnliches deuten die Schlusszeilen an; »Abschied« und Abbruch stellen den Bezug zu dem her, was »jenseits« der Schaukelbewegung existiert. Dieser Offenheit für die andere Dimension korrespondiert eine von innen hervorbrechende Aktivität, die ebenfalls (noch) nicht eingebunden ist in das physikalisch mögliche Schaukeln: »Überflüsse aus mir stürzen dorthin«. Doch wie innerhalb der ersten Strophe die immerwährende Bewegung sich mit der Gleichzeitigkeit der Zustände verbindet, so schließen sich beide Strophen zum ganzen, vollen Kreis: Der Entwurf des imaginären Halbkreises führt auf die gleiche Ebene wie die Frage nach dem unsichtbaren Ast und dem Ursprung des ersten Anstoßes zu Beginn des Gedichts. Die Fähigkeit, im Höhepunkt den Tiefpunkt mitwirken zu lassen – und umgekehrt – , trainiert für die Ahnung weit größerer Zusammenhänge, welche dann wiederum eine Relativierung des im Schaukelschwung Erreichten bedingen.

Natürlich ist das ganze Gedicht (auch) eine einzige elaborierte Metapher: »Schaukel des Herzens«. »Schwere« und »Abschied« sind deutbar als Metaphern für Schmerz und Tod. Rilke verlangt einen Umgang mit der Erfahrung von Tod und Verlust, der der üblichen Einstellung radikal entgegengesetzt ist, sie ebenso umkehrt wie der imaginäre Halbkreis den Blick auf die physikalische Schwungbewegung:

Nicht sich trösten wollen über einen solchen Verlust, müßte unser Instinkt sein, vielmehr müßte es unsere tiefe schmerzhafte Neugierde werden, ihn ganz zu erforschen, die Besonderheit, die Einzigkeit gerade dieses Verlustes, seine Wirkungen innerhalb unseres Lebens zu erfahren, ja wir müßten die edle Habgier aufbringen, gerade um ihn, um seine Bedeutung und Schwere, unsere innere Welt zu bereichern. ... Ein solcher Verlust ist, je tiefer er uns trifft, und je heftiger er uns angeht, desto mehr eine Aufgabe, das nun im Verlorensein hoffnungslos Betonte neu, anders und endgültig in Besitz zu nehmen [...].

Wahrnehmung und Körpergefühl erschließen in dem Gedicht einen anderen Bereich so, dass das sinnlich Gegebene zum Zeichen für dasjenige wird, was darüber hinausgeht; zugleich bleibt der »Herzmuskel« immer noch das Zentrum, das den ‚höheren‘ Bezug erst entwirft und »verwirklicht«, ihn mit Leben (»Überflüsse aus mir«) erfüllt; dieses Leben lässt sich dann wieder als der geheime Impuls verstehen, der den hiesigen sinnlichen Erfahrungen ihre Fülle (»Lust«) gibt. Gleichzeitig sind sinnliche Konkretion und Entwurf ins Imaginäre so aufeinander bezogen, dass eines für das andere unentbehrlich ist: Die Vorstellung des kompletten Kreises ist die Voraussetzung dafür, um den anderen Halbkreis abzugrenzen. Das Verhältnis von physiologischer und künstlerischer Wahrnehmung, das hierin impliziert ist, lässt sich anhand von Rilkes Sinnenkreis deutlich machen: Die schwarzen Schraffierungen entsprechen dem Imaginären, dem sich jedoch nur durch sorgfältige Durchforschung der fünf Sinnesbereiche näherkommen lässt; das integrierende Zentrum bleibt das Subjekt – dem Mittelpunkt des Kreises entspricht in unserer Lesart das lyrische Ich, das »Herz« in unserem Gedicht.


Monika Fick // Empfohlene Zitierweise