Das »biologische Drama«

»Wir wollen nun noch einmal von vorn anfangen und zu bestimmen versuchen, was die Seele ist…« Qu Gleichsam als Motto hat Aris Fioretos diese Worte des Aristoteles seinem ersten Roman Die Seelensucherin Qu (schwed. Originaltitel Stockholm Noir) vorangestellt, in dem die beiden Hauptfiguren jeweils auf ihre Weise versuchen, »die Seele« zu ergründen. Auf der einen Seite steht der Stockholmer Professor Schaumberg, der als ›Seelenbiologe‹ einen »immateriellen Stoff« [!], eine »subatomare Punktsubstanz« (S. 110) als Sitz der Seele nachweisen will. Qu Auf der anderen Seite sehen wir Vera, eine junge Frau aus Berlin, die sich auf der Suche nach ihrem seit langem verschollenen Vater durch die schwedische Hauptstadt bewegt. Die tiefere Motivation ihrer Suche liegt jedoch in der Frage, inwieweit individuellem menschlichen Handeln und Erleben ein Sinn innewohnt.
Eigentlich ist das Romangeschehen auf die wenigen Tage von Veras Aufenthalt in der Stadt beschränkt und kann von der Erzählerin in wenigen Sätzen zusammengefasst werden: »Insgesamt war Vera fünf Nächte und vier Tage fort, stattete drei Besuche ab und lernte zwei Menschen kennen. Aber einen Vater sollte sie nie treffen.« (S. 13) Was die Ausführlichkeit ihres Berichts rechtfertige, sei die Bedeutung des »biologischen Dramas«:

Das ist die ganze Geschichte, so daß es möglich wäre, an diesem Punkt zu schließen […] –  wenn es da nicht einen besonderen Umstand gäbe, will sagen: das, was Professor Schaumberg »das biologische Drama« nannte. Zwar wird kein allumfassendes Bild dieses Schauspiels gezeichnet werden: mal wird die richtige gewitterwolkenfarbige Nuance von ein paar nervenberuhigenden Pillen fehlen, mal werden einige Schritte eines medizinischen Ablaufs ausgespart bleiben. Aber unter dem obersten Blatt eines Kalenders, der uns unverzüglich zeigen wird, daß Vera am Donnerstag, den 17. Dezember 1925 abgereist sein muß, verbergen sich Tage, die es aus einer »biologischen« Perspektive wert sind, überdacht zu werden. (S. 13f.)

Der Begriff des ›biologischen Dramas‹, bzw. das verwandte Bild einer in Akte unterteilten Lebensgeschichte begegnet uns im Roman mehrfach wieder (S. 13f., 79, 207, 231, 295, 303, 307, 308f., 348, 352, 356). Zwei Aspekte menschlichen Daseins werden in diesem Begriff angesprochen: Gebundenheit an den Körper, an physiologische Voraussetzungen einerseits, andererseits die Notwendigkeit der Konstruktion einer sinnstiftenden ›Erzählung‹.
In Fioretos’ poetologischem Essay Mein schwarzer Schädel Qu wird die Reise ins eigene Bewusstsein zum Bild für den Prozess, den der Schriftsteller beim Schreiben (eines Romans) durchläuft. Die Grenze der Kommunikation, die der Schriftsteller überwinden müsse, stelle der »eigene[] Schädelhelm« Qu dar. Im Essay verwendet Fioretos häufig die gleichen zentralen Bilder, Begriffe und Formulierungen wie im Roman. Auch der Begriff des ›biologischen Dramas‹ begegnet uns hier wieder: »Allmählich erkannte ich, daß mein Stirnbein von einer Kinoleinwand bis zu einem Blatt Papier oder einer Projektionsfläche alles sein konnte. Auf seinem quadratzentimetergroßen Gebiet fand dennoch ein ganzes biologisches Drama Platz.« Qu

Wie verläuft die Suche Schaumbergs, und was ist ihr Ergebnis? Was findet Vera auf ihrem Weg durch Stockholm? Wie werden im Roman physiologische Erklärungsmodelle des Bewusstseins reflektiert? Wird etwas gezeigt, das über den Konstruktcharakter alles Wahrgenommenen hinausweist? Und welche Rolle wird der Literatur zugeschrieben?


Nadine Schneiderwind // Empfohlene Zitierweise