Muster

Wie schon die Motive ›Labyrinth‹, ›Karte‹ und ›Mandel‹ tritt auch das Motiv des ›Musters‹ auf verschiedenen Ebenen des Romans in verschiedene Sinnzusammenhänge. Qu1
Die Erzählerin konstatiert Muster bei der Beschreibung der Stadt (S. 25, 173, 267). Schaumberg ist fasziniert von dem »mystische[n] Gewebe und Muster des Nervensystems, de[m] verborgene[n] Sitz der Seele« (S. 80). Beim ›Wirrwarr‹-Spiel, mit dem Vera selbst ihren Weg durch das Labyrinth Stockholm vergleicht, beschwert sich ihre Mutter bei einer Spielrunde: »In diesem Muster finde ich doch keinen Weg. Das ist ja das reinste Mysterium.« (S. 125)
Die Gegenüberstellung von Muster und Mysterium ist auch in einer der Schlüsselszenen des Romans zu beobachten: Vera diskutiert mit Sasha über die Flocken in einer Schneekugel. Vera misst jeder Flocke und ihrer Bewegung Einzigartigkeit bei (S. 46). Sasha hingegen betrachtet das Innere der Kugel als »statische[] Welt« (S. 47); allein der Hand, die die Kugel halte, könne ein Wille zugesprochen werden, die Flocken deuteten aber nur ein »sinnloses Mysterium« (S. 47) an. Sashas Auffassung der Bewegungen der Schneeflocken als Mysterium setzt Vera die des Musters entgegen: »Du sagst ›alle‹ Flocken, aber ich sagte ›jede‹. Und das ist ein großer Unterschied – nicht zuletzt wegen des Musters, das sie zeichnen.« (S. 47)
Veras Weigerung, die Bewegungen der Schneeflocken als ›sinnloses Mysterium‹ zu begreifen, geht einher mit der Annahme eines sinnvollen Musters in ihrem Weg. Was bedeutet ihre Ansicht, »jede Flocke sei ein schimmerndes Wesen, mit einer ihr eigenen Bewegung und Rotation, anders als alle anderen, unmöglich zu wiederholen« (S. 46) über den engen Bereich der Schneekugel-Diskussion hinaus? Das Motiv der Schneeflocken, das im Roman selbst ein Muster bildet, wird mit Bedeutung aufgeladen und trägt so mit dazu bei, Veras Weg durch das verschneite Stockholm als Sinnsuche, als Suche nach einem sinnvollen Muster, erscheinen zu lassen.
Vera nimmt auch ihre Beziehung zu Sasha als Mustern folgend war: Sie rekonstruiert Muster in ihren Gesprächen, die es ihr möglich machen »die seltsamen Figuren zu erkennen, die sich vom dunklen Hintergrund der Erinnerung absetzten.« (S. 178) Aber nicht nur in ihren Gesprächen macht sie Muster aus: »Alles, was in unserer gemeinsamen Zeit geschah, hat seine eigenen Konfigurationen, Muster mit besonderen Bedeutungen.« (S. 262) Auch die vergangene Beziehung zu Sasha will Vera also nicht als ›sinnloses Mysterium‹ ansehen.
Als Vera sich auf dem Weg zu Schaumberg unter einer Toreinfahrt unterstellt, fühlt sie sich, als befände sie sich gleichzeitig innerhalb und außerhalb des Schneesturms. Als sie darüber nachdenkt, dass sie Spuren im Schneesturm hinterlasse – die Flocken müßten an ihr vorbei einen anderen Weg nehmen, sobald sie nur ihre Hand ausstrecke - bezieht sie dieses Spuren-Hinterlassen auf das Leben: »Vielleicht war das Leben ein solch wildes Geschehen, in dem die Handlungen eines Menschen ein schwarzes, sofort ausradiertes Muster bildeten?« (S. 269) Sie führt diesen Gedanken weiter aus:

Vielleicht, dachte sie jetzt, war es ja so, daß der Mensch selbst in dieser rauchenden Gesetzlosigkeit Muster erschaffen sollte, ein paar Striche, eine suchende Geste – die fortgewischt wurde und in Vergessenheit geriet, die es aber dennoch gegeben hatte und die deshalb ihre Gültigkeit behielt? […] Es war eben doch etwas geschehen; Körner und Partikel nahmen nun andere Bahnen. Mehr war nicht nötig. Das konnte genügen. Vielleicht atmete man ja deshalb? Konnte Freude, konnte Trauer empfinden? Nichts ließ sich für immer einfrieren. Statisches Glück gab es nicht. (S. 279)

Am Ende ihrer Reise, als Vera ihre Einstellung zu Stockholm, das sie nun nicht mehr als Labyrinth empfindet, und ihrem Vater, der für sie nun nicht mehr die zu suchende ›Mandel‹ darstellt, relativiert sich auch ihre Sicht auf Muster, die sie vorher als so grundlegend empfunden hat:

Schließlich hatte sie erkannt, daß das Muster zwar durchaus wichtig war. Aber auch wenn die Gedanken eines Menschen verschiedene Ereignisse beinhalten, alle gleichzeitig, waren sie nicht alle seine eigenen. Manche gehörten anderen, und man selbst war bestenfalls das Bindeglied, das sie zum Erklingen brachte. Auf ihre Art hatte ihre Reise vielleicht einen Reim vervollständigt: ticktock, ticktock. Aber gehörte er zu ihr? Sie dachte an Sasha und daran, daß sie, was das Innere der Glaskugel anging, vielleicht beide recht gehabt hatten. (S. 341)

Was bedeutet es, wenn nun Vera Muster und Mysterium gleichzeitig anerkennen kann?


Nadine Schneiderwind // Empfohlene Zitierweise e