Physiologische Bewusstseinsauffassungen

Die Lebensgeschichte des fiktiven ›Seelenbiologen‹ Schaumberg wird im Roman in Rückgriffen erzählt, die bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts zurückreichen. Schaumbergs berufliche Biographie und seine Theorien werden in den Kontext zeitgenössischer Hirnforschung eingebunden. Es fallen die Namen von Broca (S. 204, 236) und Lombroso (S. 204), Gall und Spurzheim (S. 83-85), Möbius (S. 131), Sherrington (S. 157f.), Maudsley (S. 91f., 94), Mosso (S. 160, 162) und Flechsig (S. 236). Einige ihrer Titel werden zitiert, teils werden die Theorien Schaumbergs zu den ihrigen in Beziehung gesetzt.

Neben diesen Bezugnahmen auf die historische Hirnforschung und ihre Protagonisten lassen sich auch Bezüge zur heutigen Forschung erkennen: Einige der Romanfiguren tragen Krankheitsmerkmale, die der Neurologe Oliver Sacks in seinen Fallgeschichten beschreibt. So leidet Veras Vater, Leo Tager, ebenso wie die Patientin in Sacks’ Fallgeschichte Die körperlose Frau Qu1, unter dem völligen Verlust der Fähigkeit, den eigenen Körper wahrzunehmen. Qu1

Am auffälligsten jedoch sind die Ähnlichkeiten, die zwischen der fiktiven Figur Schaumberg und der realen Person Gustav Magnus Retzius festzustellen sind: Beide sind im Jahr 1842 geboren, beide als Sohn eines berühmten Anatomieprofessors am Karolinska Institut in Stockholm. Qu1 Wie Schaumberg (S. 100, 105f., 111f., 149, 226, 299f., 350f.) gründete auch Retzius einen ›Club der Gehirne‹ nach dem Vorbild der französischen Société d’autopsie mutuelle, der, wie im Roman, auch in der Wirklichkeit zum Scheitern verurteilt war. Qu1 Beide untersuchten die Gehirne des Astronomen Gyldén und der Mathematikerin Kovalevski (im Roman Kovalevskaja) mit dem Ziel, besondere Geistesfähigkeiten in der Anatomie des Gehirns zu verorten. Qu1
Fioretos bedient sich bei diesen Übernahmen seiner ›schriftstellerischen Freiheit‹: Historisch Verifizierbares steht neben frei Erfundenem, manchmal führt ein verändertes Detail den Leser in die falsche Richtung. Bei diesem Spiel mit den Referenzen werden Bezüge hergestellt, doch die so erzeugten Lesererwartungen von ›Authentizität‹ auch der anderen Details werden enttäuscht.

So lassen sich die im Roman erwähnte Schrift Schaumbergs »Crania antiqua suecica« (S. 107) und auch die Schriftenreihe »Biologische Prüfungen« (S. 99) mit Werken Gustav Retzius’ identifizieren. Qu1 Die Suche nach einer historischen Vorlage für die Figur Vlavna Vlavnavovna, die ›Musterstudentin‹ Vadim von Kolibars (S. 104), und für den Artikel, den diese im »Jahrbuch der Wissenschaftlichen Gesellschaft 1916« (S. 200) veröffentlicht haben soll, läuft hingegen ins Leere.
Immer wieder wird im Roman die »Bewußtseinshypothese« (S. 41f., 83f., 160) Vadim von Kolibars zitiert:

Mediziner späterer Generationen wissen, daß die Streitfrage mit der Zeit dem Verhältnis von Seele und Gehirn galt. Ergänzten die beiden Organe einander? Schlossen sie sich gegenseitig aus? Oder setzte das eine das andere auf die gleiche ungezwungene Art voraus, wie dies für Form und Inhalt bei einem Paar zusammengerollter Strümpfe zutreffen kann? (Professor von Kolibar: ›So leben wir in einem Strumpf, der von innen nach außen gewendet wird, ohne jemals zu wissen, welcher Phase der Prozedur unser jeweiliger Bewußtseinsaugenblick gerade entspricht.‹ Lewy Poworot, St. Petersburg 1917.) (S. 83f.)

Die Quellenangabe täuscht: Die Schrift, auf die hier referiert wird, existiert nicht in der Wirklichkeit außerhalb der Romanwelt, sondern ist reine Erfindung des Autors. Die Figur des Vadim von Kolibar hat keinen Wissenschaftler zum Vorbild, der tatsächlich existiert (hat), aber sein Name verweist als Anagramm trotzdem auf eine reale Person. Hinter der immer wieder angeführten Autorität auf dem Gebiet der Bewusstseinsforschung verbirgt sich kein Hirnforscher, sondern ein Schriftsteller: Vladimir Nabokov! Qu1

Der Blick des Lesers wird wieder gelenkt auf die Romanwelt als Konstrukt, und insbesondere die Wahrnehmungswelt der Vera Grund rückt in den Vordergrund. Wie werden ›Wahrnehmung‹ und ›Bewusstsein‹ literarisch ins Werk gesetzt?


Nadine Schneiderwind // Empfohlene Zitierweise