Die Reise in die
»dunklen Windungen eines Gehirns«

Unser Blick wird durch mehrfaches Andeuten einer der Romanwelt übergeordneten Perspektive auf die Erzählinstanz gelenkt, die zu Beginn die eigene Erzähltechnik kommentiert:

Ab und zu werden wir außerdem einen Blick hinter die Kulissen werfen, auf den Kleister, die Schnüre und Nägel, von denen die folgenden Tableaus zusammengehalten werden, und möglicherweise kann auf diese Weise zusätzliches Wissen beigesteuert werden, soweit dies erforderlich sein sollte.(S. 14)

Die Erzählinstanz tritt zunächst zurück und gibt sich erst im Epilog als Iris Frost zu erkennen. Erst hier begreift der Leser, dass die Erzählerin selbst einige Male unerkannt durch die Romanhandlung geistert: Iris Frost ist identisch mit der Frau im Café, die mit einem Paket an einem Nebentisch Veras sitzt (S. 66, 115). Sie ist die »unbekannte Tochter«, die die »Treppen zu einer großen und unheimlichen Residenz« hinaufsteigt (S. 249), und somit gleichzeitig die »unangemeldet erschienene Frau«, die ein Paket für Schaumberg an dessen Haushälterin übergeben hat (S. 58, 231). Erst im Epilog also wird der Bezug der Erzählerin zum Erzählten deutlich und auch, dass ihre »Rolle in diesem Drama« (S. 14) keinesfalls so unbedeutend ist wie eingangs angekündigt, wird offenbar:
Sie habe, schreibt Iris Frost im Epilog, als »Autorin dieser Seiten […] auf ihre Weise die Natur der Seele gesucht« (S. 356). Allerdings räumt sie ein,

[…] daß alles, was hier erzählt worden ist, unmöglich eingetroffen sein kann. Aber selbst, wenn sich herausstellen sollte, daß einiges erfunden wurde, hätte es doch geschehen können.  Die Autorin möchte deshalb den Leser bitten, alles gleichermaßen ernst zu nehmen. Sie hat sich um Zuverlässigkeit und Treue gegenüber existierenden Quellen bemüht und sich einzig und allein erlaubt, die Lücken auszufüllen, die hier und da in einem Drama dieser Art auftauchen müssen. (S. 356)

Die nachdrückliche Betonung der eigenen Konstruktionsleistung impliziert nicht die Beliebigkeit des Konstrukts. Trotz der Diskrepanz zwischen dem, was tatsächlich ›eingetroffen‹ ist, und dem ›Erfundenen‹, solle der Leser »alles gleichermaßen«, also die Erzählung als solche ernstnehmen, und zwar im Bewusstsein, dass in ihr beides ununterscheidbar ineinander aufgeht. Abgesehen davon, dass die Unterscheidung zwischen ›wahr‹ und ›falsch‹ innerhalb der Fiktion, das Auffinden eines Wahrheitskriteriums, mit dem die Erzähleraussagen beurteilt werden können, problematisch ist, beansprucht die Erzählerin hier gerade wegen ihrer ›Unzuverlässigkeit‹, dass der Leser sie ernstnehme – als Seelensucherin.
Nun verweist der Name der Erzählerin ›Iris Frost‹ anagrammatisch auf den Namen des Autors – ›Fioretos‹. Dieser Hinweis auf die der Erzählinstanz übergeordnete Ebene des Autors wirft die Frage auf, inwieweit die ›Erzähltheorie‹, die  Iris Frost entwirft, die Ansichten des Autors repräsentiert. Wie Iris Frost setzt der Autor unseres Romans ›Erfundenes‹ und tatsächlich ›Eingetroffenes‹ zu einem erzählenden Text zusammen. Dabei stützt er sich auf Quellen, vornehmlich aus der Wissenschaftsgeschichte, setzt diese in einen fiktionalen Kontext, verändert Zusammenhänge und Details und füllt ›Lücken‹ aus. In seinem Essay Mein schwarzer Schädel schreibt Fioretos, er wolle in seinen Romanen die ›Kulissen‹ sichtbar machen Qu2 – und gebraucht damit die gleichen Worte, mit denen Iris Frost ihre Erzähltechnik beschreibt. Noch aufschlussreicher als diese Gemeinsamkeiten ist jedoch ein zentrales Bild des Essays: das Bild des Schriftstellers als ›Kranionaut‹ – ein naher Verwandter der ›Seelensucherin‹? –,  der durch das Labyrinth des Gehirns reist. Der Schreibprozess stelle für den Romanautor eine Reise ins eigene Bewusstsein dar; das Werk entstehe als Fahrtenschreiber, als ›Black box‹ dieser Reise:

Es gilt, das Bewußtsein in flagranti zu ertappen, und folglich auch all das aufzuzeichnen, was man sieht, aber nicht begreift. Denn durch diese Visionen, halb hellseherisch, halb idiotisch, schafft der Reisende einen Klangraum – ein gewölbtes Stück Prosa, eine Psychosphäre. So wie die Black box, die von den Luftfahrtbehörden […] gefunden wird und Aufschluß darüber gibt, wie ein Flugzeug abgestürzt ist, ist dieses Psychogramm seine ›Seele‹ [sic]. Wie alle Protokolle über innere Bilder erfordert es einen Empfänger, aber um den sollte sich der Schriftsteller weder kümmern noch bemühen. Qu2

Dieser ›Empfänger‹ der Black box, des Psychogramms, der ›Seele‹ ist freilich der Leser. Und auch dieser werde im Leseprozess auf eine Bewusstseinsreise geführt:

So wie man während des Haschischrauchens immer tiefer in die Irrgänge seines Bewußtseins geführt wird, wird man während der Lektüre in die dunklen Windungen eines Gehirns geleitet. Das Wirrwarr eines Gehirns, nicht unbedingt des eigenen. Denn die klangvolle Prosa schafft Vertrautheit an einem Ort, an dem man als Leser nur zu Gast sein kann. […] Wer jemals die Verzauberung in dieser Eskapade erlebt hat, und folglich in ein ›genießendes Prosawesen höchster Potenz‹ verwandelt wurde, wird in der Folge abhängig von Literatur sein. Es ist nicht schwer zu verstehen, warum: Wie Ariadnes Faden führt sie uns heim, indem sie uns verführt. Qu2

Auf der Suche nach einer ›Seele‹ befindet sich also nicht nur Vera Grund. Mit dem Bild der Reise durch ein Labyrinth wird die Vorstellung einer Bewegung evoziert, die sowohl Romanfigur als auch Erzählerin, Autor und Leser vollziehen. Die Analogie, die zwischen dem Bild der ›Seelensuche‹ und dem der ›Kranionautik‹ besteht, ist ein Hinweis darauf, dass in Fioretos’ Werken Reflexionen über das (schriftstellerische) Erzählen eng mit der Thematik Gehirn-Bewusstsein-Seele verflochten sind. Wie ist das Geflecht von Motiven, die im Roman in immer neue Konstellationen gebracht werden, vor diesem Hintergrund zu deuten? Wird ein spezifischer Erkenntniswert von Literatur angedeutet oder greifbar gemacht?


Nadine Schneiderwind // Empfohlene Zitierweise