Erste Schritte ins Labyrinth

[…] eine unschlüssige Gestalt, den Spaten auf der Schulter, ein Knäuel in der Hand, die Stirn tief in Falten gelegt: der Prosaist als Kranionaut. Qu2 […] Ist die Literatur jemals etwas anderes als Seelenarchäologie, betrieben im Inneren der Konstruktion, die Mensch genannt wird? Qu2

So entwirft Fioretos in seinem Essay Mein schwarzer Schädel die Figur des Romanautors. Reisen durchs Gehirn und literarische Seelenarchäologie – inwieweit wirft die Betrachtung dieser Konzepte Licht auf Fioretos’ Roman Die Seelensucherin?
Zwar weicht der deutsche Titel des Romans vom Originaltitel Stockholm Noir ab, jedoch  bietet er einen geeigneten Ausgangspunkt für eine Frage, die ein wenig in den labyrinthhaften Roman hineinführen kann:  Wer ist die ›Seelensucherin‹ im dunklen Stockholm?
Zunächst fällt der Blick auf Vera Grund. Vera, eine junge Frau, die vor einiger Zeit von ihrem Liebhaber verlassen worden ist, macht sich von Berlin aus auf den Weg in die schwedische Hauptstadt, um ihren Vater zu suchen.
Die Topographie der Stadt wird im Roman auf verschiedene Arten mit dem Aufbau des Gehirns in Bezug gesetzt. Stockholm wird zur »Hauptstadt der Seele« (S. 84):

Wenn ein gerade erst eingetroffener Besucher seinen Stadtplan in Übereinstimmung mit Professor Schaumbergs »Seelentopik« doppelbelichtet, entspricht Södermalm am ehesten dem lobus temporalis, auch »Schläfenlappen« genannt, Kungsklippan dem lobus occipitalis oder »Hinterhauptslappen« und Brunkebergsåsen dem »Scheitellappen«, das heißt dem lobus parietalis. Die vierte Formation, die »Stirnlappen« oder in der wissenschaftlichen Nomenklatur lobus frontalis genannt wird, wird von der letzten Anhöhe der Stadt gebildet: dem Observatoriekulle. Zu dieser Anhöhe schien die deutsche Besucherin unterwegs zu sein. Oder vielmehr zur Hypophyse der Stadt, gleich unter dem Stirnlappen gelegen. (S. 268)

Diese ›Doppelbelichtung‹ von Stadt und Gehirn spielt nicht nur in Schaumbergs Theorien eine wichtige Rolle: Immer wieder werden in Äußerungen, die sich auf Stockholm beziehen, und in Äußerungen, deren Gegenstand das Gehirn oder mentale Zustände sind, die gleichen sprachlichen Elemente verwendet. Veras Weg durch die Stadt, die ihr zu Beginn ihres Aufenthaltes als ein verwirrendes Labyrinth erscheint, kann deshalb als Weg in das Labyrinth ihres ›Inneren‹ gelesen werden pfeilchenleerStockholm als Seelenlandschaft.
Vera ist also ›Seelensucherin‹ in mehrfachem Sinne: Auf der Suche nach ihrem vor langer Zeit verschollenen Vater bewegt sie sich durch Stockholm. Gleichzeitig sucht sie nach etwas, das sie nicht in der Welt außerhalb ihrer selbst, sondern nur ›innen‹ finden kann. Diese Suche ist, betrachtet man sie als Metapher, innerhalb eines psychologischen oder eines erkenntnistheoretischen Bezugrahmens deutbar. Im ersten Fall ist Veras Suche der Versuch, eigene unbewusste Motivationen zu ergründen. Als Zweck der Reise ließe sich in diesem Fall die Verarbeitung des Verlustes sowohl Sashas als auch ihres Vaters und die (Wieder-)Erlangung ihrer Selbständigkeit ausmachen. Im zweiten Fall erscheint Veras Suche als Hinwendung zu Fragen der Erkenntnistheorie. Der Name ›Vera Grund‹ ist also ein sprechender: Veras Suche ist sowohl die Suche nach ›Veras Grund‹ als auch diejenige nach dem ›wahren Grund‹.
Doch die ›Seelensucherin‹ Vera scheint wiederum Versuchsobjekt einer ›höheren‹ Instanz zu sein, deren Existenz die Erzählerin immer wieder andeutet. Bezeichnend dafür ist das Motiv des ›Blickes von oben‹:

Warum hatte sie [Vera] nicht genauer hingesehen? Sicher hätte sie früher oder später Dorothea Maschkes Zirkel schwebend in der Schwärze über sich ausmachen können – dieses gigantische Guckloch aus Bleistift, durch das, wie sie annahm, nun ein paar Augen all ihren Unternehmungen folgte. (S. 281)

Vera und auch die sie umgebende Stadt werden auf diese Weise als Teil einer willkürlich aufgestellten Versuchsanordnung gezeigt. Die Romanfigur selbst zweifelt an der Wirklichkeit dessen, was sie in Stockholm als Außenwelt wahrnimmt:

Die Irrfahrt hatte bereits begonnen, als sie aus dem Bahnhofsgebäude trat. Die Plätze, die Häuser und die Brücken, sogar die Menschen und die Bewegung, die sie auf den Straßen hatte erkennen können, als der Zug in der Stadt ankam, zählten nicht; sie hatten allzu sehr den Eindruck von Kulissen gemacht. (S. 283)

Ist Vera vielleicht nicht die einzige ›Seelensucherin‹?


Nadine Schneiderwind // Empfohlene Zitierweise