Stockholm als Seelenlandschaft

Die verschiedenen Handlungsstränge des Romans sind durch ein Netz von Motiven verknüpft, die sich wechselseitig erhellen, aber durch die Komplexität der Bezüge eindeutige Interpretationen verhindern, vorschnelle Sinnzuschreibungen ausbremsen. In verschiedenen Zusammenhängen treten die Motive ›Labyrinth‹, ›Karte‹ und ›Mandel‹ in einer bestimmten Konstellation auf: Qu1
Der am engsten umrissene Zusammenhang ist ein Spiel, das Vera früher mit ihrer Mutter gespielt hat. Jeder Spieler entwirft auf einem Blatt Papier ein Labyrinth, durch das sich der Spielpartner durch Nachfragen zurechtfinden muss.

Die Regeln waren einfach, aber es gab eine ungewöhnliche Ergänzung: nur der obere Teil des karierten Blattes Papier durfte benutzt werden, aber dafür war jedes einzelne Kästchen wichtig, und statt einen Weg vom Eingang zum Ausgang zu finden, kam es darauf an, den Weg zu dem Schatz zu finden, der im Inneren des Labyrinths verborgen lag. Die Änderung war Veras Idee gewesen, weil sie es eines Tages leid war, ›sich von der einen Seite zur anderen zu bewegen‹, wie sie sich ausdrückte. Der Schatz wurde durch ein dickes Kreuz markiert und auch ›Diamant‹ oder ›Mandel‹ genannt […]. (S. 124)

Bei dem Spiel zeichnet sich Vera durch ihre List aus, ihre Mutter kann in dem gezeichneten Muster keinen Weg finden: »Das ist ja das reinste Mysterium«, kommentiert sie Veras Zeichnung, und weiter, als Vera ihr die Lösung gezeigt hat: »Oh, du bist aber listig! Einmal ganz rundherum und dann auf geradem Weg hindurch. Oh, was bist Du nur listig!«  (S. 125) Veras Weg durch Stockholm erscheint als Übertragung dieses Spiels. Stockholm nimmt bereits in der Beschreibung der Erzählerin labyrinthische Züge an: Zuerst wird die Ähnlichkeit der Stadt mit einem »ausgeklügelten Labyrinth aus Gängen, Straßen und manchmal genialen, manchmal seelenlosen Gassen« (S. 266) aufgezeigt. Auch Vera selbst stellt nach ihrem vergeblichen Besuch der Drottninggata diese Ähnlichkeit fest: »Zum jetzigen Zeitpunkt war klar, daß sie sich nicht in Stockholm befand. Als sie vor zwei Tagen im Hauptbahnhof angekommen […] war, [..] war sie nicht in eine fremde Stadt hinaus-, sondern in ein Labyrinth hineingegangen.« (S. 281) Bei diesem Vergleich denkt Vera auch an das Spiel ihrer Kindheit: Ebenso wie das Spiel erfordere ihr Weg durch Stockholm, ihre Suche nach der ›Mandel‹, List und Geduld (S. 283). Stockholm wird so als ›Spielfeld‹ interpretierbar und erscheint in diesem Zuge als eine abgeschlossene Welt, in der bestimmte Regeln gelten. Im ›Labyrinth‹ Stockholm ist der Vater die ›Mandel‹, die es zu finden gilt (S. 283).
Im Labyrinth der Stadt versucht sich Vera mit Hilfe einer Karte, eines Stadtplans zu orientieren – die Entsprechung zu der Zeichnung des Labyrinths im Spiel. Die Karte dient Vera jedoch nicht nur dazu, ihren Weg zu planen, sondern auch dazu, den bereits zurückgelegten Weg zu verfolgen (S. 247-254, 272, 280). Am Ende ihres Weges gleicht die Form der auf dem Stadtplan eingezeichneten zurückgelegten Strecke einem Profil – und dem Mädchenschädel auf der dem Roman vorangestellten Zeichnung von Gustav Retzius (S. 6), an dessen persönlicher und beruflicher Biographie Fioretos sich bei der Figurenzeichnung Schaumbergs orientiert.
pfeilchenleerPhysiologische Bewusstseinsauffassungen

kopf

Kopf eines Deutschen (Mädchen)

Veras Weg durch die Stadt

Veras Weg durch die Stadt
(animierte Nachzeichnung)

Auch Schaumberg setzt die Karte, d.h. die Topographie von Stockholm und die »charta mentalis« in Bezug zueinander (S. 94, 235-237, 302f.). Dabei ›kartiert‹ er nicht nur verschiedene Areale des Gehirns, sondern überträgt diese auf die geographische Wirklichkeit: So wird Stockholm zur ›Hauptstadt der Seele‹ (S. 84, 100, 106, 210, 302f.). Seine ›Karte des Gehirns‹ überträgt Schaumberg so genau auf die Topologie Stockholms, dass jeder Stadtteil, jeder Höhenzug einem bestimmten Teil des Gehirns entspricht (S. 268, 302f.)
pfeilchenleerErste Schritte ins Labyrinth
. Sein Haus auf der Drottninggata – dem Scheitelpunkt der Stadt – entspricht dabei zu seinem Stolz der Hypophyse (S. 97f., 111, 254, 268, 303, 307).
Schaumberg begründet diese Übertragung nicht etwa mit Ähnlichkeiten in der Organisation von Gehirn und Stadt, sondern mit dem vermeintlichen großen Einfluss der Umwelt auf die Bildung des Gehirns: Qu1

Im Laufe von Jahrhunderten hatte sie [die Umwelt] das Gehirn geprägt und ihm ihren einmaligen Stempel aufgedrückt. Tager war »Stockholmer mit ganzer Seele und bald auch wieder mit ganzem Leib«. In ihm hatten die spezifischen Züge in der Anatomie der Stadt einen Eindruck hinterlassen wie »ein Siegel in Wachs«. (S. 210)

Doch innerhalb seiner Theorie verwickelt sich Schaumberg in Widersprüche, wenn er  schließlich behauptet, die Beeinflussung erfolge in umgekehrter Richtung, die Stadt habe begonnen, sich dem Gehirn anzugleichen. (S. 303)

Die Analogie von Spiel, Stadt und Gehirn wird später auch von Vera infragegestellt: Nach dem Migräneanfall erscheint es ihr als absurd, dass sie Stockholm als Labyrinth empfunden hat, und sie setzt ihren Vater auch nicht mehr mit der im Spiel zu suchenden ›Mandel‹ gleich:

Ihr Vater war kein Diamant, keine Mandel, kein König Kaspar. Er war das unbekannte Wesen, dem sie ein einziges Mal in ihrem Leben begegnet war, vor fast zwanzig Jahren, und sie tat gut daran, dieses Stockholm, in dem er zu Hause war, nüchterner zu betrachten. (S. 342)

Wieso ändert sich Veras Sichtweise? In welchen Zusammenhängen ist diese Veränderung zu betrachten?


Nadine Schneiderwind // Empfohlene Zitierweise e