Vera im Schnee

Während die gestörte Selbstwahrnehmung Leo Tagers hauptsächlich aus der naturwissenschaftlich geprägten Perspektive Schaumbergs beschrieben wird, schildert die Erzählerin Veras Wahrnehmung meist aus personaler Perspektive. Zweimal gerät Vera in Stockholm in Situationen, in denen sie ›Störungen‹ ihrer Wahrnehmung bzw. ihres Bewusstseins erlebt. In beiden Fällen ist der Schneefall Auslöser.
In Stockholm erlebt Vera das »seltsamste aller metaphysischen Abenteuer […]: das Aufhören der Zeit« (S. 120). Zweimal hintereinander kann sie das Aufhören des Schneefalls beobachten: Zunächst sieht sie die letzten Flocken zur Erde fallen, und direkt darauf sieht sie das eben Gesehene »in ihrem Inneren« noch einmal, so dass ein »visueller ›Reim‹« (S. 120) entsteht.

[…] weiße, glänzende Schatten, zurückgeblieben auf Veras Netzhäuten, keinesfalls weniger naß oder schweigsam. Wie eigenartig! Sie hatte gesehen, wie die Zeit endete, und es war, als hätte sie ein vergangenes Jetzt besucht. Anders konnte sie nicht in Worte fassen, was sie erlebt hatte. Sie war dort gewesen, in ihrem Inneren in der Welt, nein: sie war dort gewesen, in der Welt in ihrem Inneren, und in dem visuellen Rhythmus, der entstanden war, war die Zeit tatsächlich stehengeblieben. (S. 120)

Die Grenzen zwischen Ich und Außenwelt, ebenso der Lauf der Zeit scheinen aufgehoben zu sein, die Vorstellung eines Unsagbaren wird evoziert, das Vokabular verweist auf den Bereich der Mystik. Vera, heißt es, könne später die äußeren Bedingungen ihrer Erfahrung beschreiben:

[…] alles, alles [hätte sie beschreiben können], außer diesem schwindelnden Etwas, auf das es angekommen war: ›der Reim‹ zwischen Ereignis und Erinnerung.
Vera lächelte. Die hauptsächliche Vera, tatsächlich die einzige Vera, auf die es ankam, lächelte. Sie hätte nicht sagen können warum, aber das Gefühl, die Vergänglichkeit aufgehoben (aufgedeckt?) und dabei begriffen zu haben, daß sie bedeutungslos war, erfüllte sie mit sanftem, fast schon beängstigendem Glück. (S. 120f.)

Das Unsagbare erscheint hier nicht auf objektivierbarer Ebene als vom Ich ablösbares Sein, als ein ›Etwas‹, das sich fixieren ließe, sondern nur aus der subjektiven Sicht der Erlebenden. Die Dimension eines ›Eigentlichen‹ wird angesprochen, jedoch nicht konkret ausgeführt. Der Kommentar der Erzählerin führt aus dem Bereich des von Vera erlebten ›Unbeschreibbaren‹ schnell wieder zurück in die beschreibbare ›Wirklichkeit‹ der Romanwelt. Dem Ausflug in den Bereich persönlichen mystischen Erlebens setzt sie durch ihre überraschende Schroffheit ein zumindest vorläufiges Ende: »Alles äußerst unverständlich. Mehr darüber in Kürze« (S. 121), bemerkt sie und fährt fort, Veras weiteren Weg durch Stockholm zu beschreiben.
Das Erleben von Gleichzeitigkeit, eines ›Reims‹, das von ihr als ›metaphysisches Abenteuer‹ erfahren wird, führt Vera auch in einem Gespräch mit Sasha an, als sie ihre Sehnsucht nach dem ›Jetzt‹ zu erklären versucht:

Veras »Jetzt« war nichts, was ihr Gefühl verstärkte, einsam, gemeinsam, ein Teil von oder ausgestoßen aus der Welt zu sein. Denn ebensooft fand sie es in der Vergangenheit – und bei diesen Gelegenheiten schien es ihr (seltsamer, mystischer Widerspruch), als habe sie ein Stück Zukunft gefunden. […]
»Es ist die Zeit im Gegensatz zum Raum. Das ist es, worum es geht. Eine Verheißung…verstehst Du denn nicht? Oh, natürlich ist der Raum oder wie immer du es nennen willst unser Ziel. Das weiß ich doch auch, ich wohne ja in ihm! Dort werden wir am Ende ruhen – oder das, was ›wir‹ sind, wenn es uns nicht mehr gibt, weder du bist noch ich. Aber es gibt etwas anderes, das mit dem Raum nicht zu tun hat – […] Etwas, das vielleicht mit – ich weiß nicht – mit uns zu tun hat, also mit der Erinnerung – ja, mit der Erinnerung, denke ich. […]. Aber wenn ich daran denke, geschieht etwas – so als beinhalte das Gehirn eine Art Gleichzeitigkeit, ich weiß nicht, ob es das richtige Wort ist. Es geht ja nicht darum, daß alles gleich ist. Im Gegenteil, es herrscht ein Durcheinander: damals, jetzt, hier, dort, bald … Aber die einzelnen Ereignisse – sie ›reimen‹, oder sie ›reimen‹ sich  auch nicht. Und im Raum ist das nicht möglich. Das können sie nur in der Zeit, die in einem Schädel enthalten ist. Dort ist die Zukunft – ich meine die Vergangenheit – nein, ich meine – und das ist, das ist – oh, wenn ich es nur erklären könnte!« (S. 132-134)

Auch dieser Passage folgt ein nüchterner Kommentar der Erzählerin: »Es war sehr kompliziert, alles. Aber die Fäden, die Vera in der Hand gespürt hatte, lagen nicht mehr in ihr.« (S. 134) Das Wesentliche, das Vera in Worte fassen möchte, entzieht sich erneut seiner Versprachlichung.
Eine Grenzerfahrung anderer Art erlebt Vera ebenfalls im Schnee: So verliert Vera, verirrt im Schneesturm, vor Kälte und Erschöpfung das Bewusstsein, erleidet den Migräneanfall, der sich zuvor schon angekündigt hat (S. 16f., 20, 311): Er beginnt damit, dass sie »entdeckte, daß sie weder Arme noch Beine, Kopf oder Rumpf mehr hatte. Oder vielmehr: daß sie nur noch aus Haut und Atemzügen bestand. […] Es hatte den Anschein, als wolle das Schneegestöber sie zu einem Teil seiner eigenen Gesetzlosigkeit machen.« (S. 312) Die ›weiße‹ Migräne, an der Vera leidet und deren Syptome dem Leser bereits beschrieben und z.T. physiologisch erklärt worden sind (S. 16f.), verbindet Vera mit ihrem Vater, der ebenfalls unter ihr litt: »Woher sonst sollte dieses Bündel von Gliedern stammen, diese nervöse Rätselhaftigkeit in ihren Gelenken, dieses irrende Licht, das hinter ihrer Stirn brannte, dieser weiße Schmerz?« (S. 123) Die Symptome während der Migräneanfälle, die die gestörte Körperwahrnehmung betreffen, erinnern an die dauerhafte ›Körperlosigkeit‹ Leo Tagers. Zu Veras Empfindung, keinen Körper mehr zu haben, tritt schnell die Auflösung des Selbstbewusstseins:  

[…] in Vera gab es keine Mitte mehr – keinen festen Punkt, auf den sie hätte zählen können; keinen Ort, an dem sie sich sammeln und entstehen konnte. Ihr Dasein war zu einem wirren Flimmern aus Partikeln geworden, ohne innere Ordnung. Kein Warten existierte. Auch keine Beständigkeit. Es gab nur diese weiße Wildheit, diesen blinden verrückten Winter in Stockholm. (S. 313)

Wie in Veras erstem Schneeerlebnis wird auch hier Auflösung wahrgenommen: Die Auflösung der Zeit, des Körpers, des Ichs. Wird im ersten Beispiel Veras Erfahrung als Erlebnis einer ›mystischen‹ Einheit positiv dargestellt, werden hier die gleichen Empfindungen als bedrohlich erlebt und als Resultat von Störungen im Gehirn gezeigt; die Erfahrung von Auflösung wird auf konkrete physiologische Grundlagen zurückgeführt.

Wie wirken sich beide Erfahrungen auf Veras Suche aus?


Nadine Schneiderwind // Empfohlene Zitierweise e