Zeit im Schädel

Fioretos selbst äußert sich an anderer Stelle zur Möglichkeit einer spezifischen Erkenntnisform der Literatur. Der Kranionaut stelle sich nicht länger die Frage, wer man sei, sondern was man sei:

Und diese kleine Drehung lässt einem auf einmal viel mehr Raum, sich zu bewegen./ Man kann auf einmal auch das Bewusstsein materialistisch verstehen, als eine erregte Form von Materialität. Als ich diese kleine Formel entdeckte, wurden schlagartig Bereiche eröffnet, die normalerweise nicht der Literatur zugeordnet werden. Auf einmal war es möglich, sich mit wissenschaftlichen Texten literarisch auseinander zu setzen, und der Reiz bestand nicht zuletzt darin, zu erfinden oder zu ergründen, etwas deutlicher: Gibt es denn etwas Spezifisches, was die Literatur verschaffen mag, was vielleicht den Wissenschaften nicht zugänglich ist, eine Erkenntnisform, die nur der Literatur zugänglich ist, oder / die wenigstens der Literatur eigen ist? Qu1

Wie verläuft der Erkenntnisprozess beim Lesen der »Seelensucherin«? Der Leser, der sich um feste Sinnzuschreibungen bemüht, wird immer wieder vor den Kopf gestoßen: Disparates bleibt nebeneinander bestehen, die Interpretation kann nur insofern einen Sinn konstruieren, indem sie es schafft, widersprüchliche Sinnzuschreibungen, die unbezwingbare Komplexität der Bezüge zu integrieren. Entsteht nicht auch eine Art ›Gleichzeitigkeit‹ im Gehirn des Lesenden, ähnlich der Präsenz-Erlebnisse, die Vera beschreibt?

Na ja, Gleichzeitigkeit, ich weiß nicht, ob es das richtige Wort ist. Es geht ja nicht darum, daß alles gleich ist. Im Gegenteil, es herrscht ein Durcheinander: damals, jetzt, hier, dort, bald … Aber die einzelnen Ereignisse – sie ›reimen‹, oder sie ›reimen‹ sich auch nicht. Und im Raum ist das nicht möglich. Das können sie nur in der Zeit, die in einem Schädel enthalten ist. (S. 133f.)

Auch der Autor verfügt über kein Wissen, dass ihm die ›Bedeutung‹ des eigenen Textes rational erschließen könnte. Auch er muss die Grenzen seiner Erkenntnis erfahren, wie Fioretos in Mein schwarzer Schädel im Rahmen seiner ›KranionautenQu1-Metaphorik‹ weiter ausführt:

Wer seinem Dämon dicht auf den Versen durch das Gehirn folgt, erkennt schnell, daß diese Expedition kein Spaziergang ist. Aber ist das Ziel der Reise wirklich, sich selber zu finden? Und mit der Beute unter dem Arm heimzukehren? Geht es nicht vielmehr darum, was der Kranionaut tut, wenn er von Angesicht zu Angesicht seinen eigenen Unzulänglichkeiten gegenübersteht? Auch wenn der Dunkelheit um ihn herum die Begrenzung fehlt, gilt dies doch nie für seine Kompetenz. Das Garnende in der Hand, begreift er nun, wo die Reichweite seiner Selbsterkenntnis endet. Starrt er lange genug in die Dunkelheit hinein, muß er sich damit abfinden, daß sie am Ende zurückstarrt. Weitere Einblicke in die Natur der Seele stehen nicht auf dem Programm. Daraufhin bleibt nur noch eins zu tun: das Licht auf der Bühne zu löschen und sich diskret zum Notausgang vorzutasten. Aber dazu muß man beide Hände frei haben. Die dunkle Beute, die Black box, muß der Kranionaut ablegen. Qu1

Die Erfahrung der Begrenztheit von Erkenntnis macht nicht nur der Schriftsteller:

Der Versuch des Kranionauten, wohlbehalten zurückzukehren, erinnert an Vadim von Kolibars Bewußtseinshypothese: »So leben wir in einem Strumpf, der von innen nach außen gewendet wird, ohne jemals zu wissen, welcher Phase der Prozedur unser jeweiliger Bewußtseinsaugenblick gerade entspricht.« Qu1

Fioretos nennt ein Kriterium, an dem der Schriftsteller erkennen könne, ob sein Text lebe, also eine Seele habe: »Zu seinem Erstaunen gibt das dunkle Werk plötzlich Zeichen von sich, als wäre es von einem anderen geschrieben worden. Der Fahrtenschreiber muß Daten registriert haben, die er selber niemals wahrnahm. Am Ende des Wegs begegnet ihm der Text stets wie ein Fremder.« Qu1 Der Ratlosigkeit gegenüber dem eigenen Werk sei nur der Trost entgegenzuhalten, dass man das Innere des Labyrinths nach außen gekehrt habe – wie einen Strumpf: »Denn der Spiegel aus Papier ist ein Zauberspiegel: Er bestätigt, daß sich der Kranionaut gehäutet und die Perspektive gewechselt hat. Von nun an ist er wie alle anderen: ein Außenseiter.« Qu1

Das Glück der Literatur ist, dass Aussage nie identisch ist mit Intention. Etwas entsteht beim Schreiben, worüber man als Schreibender nicht die Kontrolle hat, und daraus entsteht ein Mehrwert. Und dieser Mehrwert, der sich nicht fernsteuern lässt, wie könnte ein Neurologe diesen Mehrwert je in Griff kriegen? Qu1


Nadine Schneiderwind // Empfohlene Zitierweise e