Analyse der Füllequalitäten
eines Wahrnehmungsaugenblicks

Ich entdecke auf der Straße ein Geldstück, das Schimmern deutet auf ein Euro-Stück. Sofort bildet sich ein Horizont von Implikationen: Jemand hat es verloren, ich hebe es auf und stecke es ein, ich kann mir etwas davon kaufen. Eine gewisse Genugtuung macht sich breit. Als ich das Geldstück aufheben will, entdecke ich zu meiner Enttäuschung nur einen Kronenkorken.

Die Anhängerin der deskriptiven Phänomenologie vermag nun folgende Explikationsreihe aufzustellen:
1. Enttäuschung meiner ursprünglichen Intention: Es ist kein Euro-Stück da. 2. Das begleitenden Glitzern war nicht das eines Geldstücks, d.h., die mitgegebenen Aspekte des Innenhorizonts des Gegenstands sind andere. 3. Da, wo ich das Geldstück sah, ist in Wahrheit etwas anderes. Bei dem, was ich eben zuerst wahrnahm und dem, was ich jetzt noch wahrnehme handelt es sich um zwei unvereinbare Identifikationen. 4. Das in der Täuschungswahrnehmung sichtbare Glitzern des Geldes wird als metallenes Schimmern des Kronenkorkens wahrnehmbar; dieses, was schon vor der Täuschung da war, wird nun mit einem Schlag erkennbar. 5. Enttäuschung ist aber nur partial möglich, denn bestimmte Momente des neu gesehenen Phänomens decken sich mit denen des vor der Enttäuschung gesehenen Phänomens: Glitzern, Kreisform, flache Gestalt, Größe. 6. Es folgt ein Moment der Reflexivität: Mir selbst wird im Moment der Enttäuschung klar, dass ich in der Täuschung etwas anders sah als jetzt. 7. Dazu gehört: Thematisch-Werden der Wahrnehmung selbst: Während das Geldstück schlicht gegeben war (»selbstgegeben«), ist meine Wahrnehmung nach der Enttäuschung beobachtend und untersuchend geworden, und zwar im Nu: Der Modus der Intentionalität hat sich nun geändert. Mir wird 8. deutlich, dass das vermeintliche Euro-Stück relativ auf meine frühere Intention hin war – nämlich allein auf diese bezogen. Mir wird 9. die Unangemessenheit der Intention klar: Es war kein Geld da. 10. wird deutlich, dass aus Unangemessenheit jetzt Angemessenheit geworden ist (Das Geld hat sich nicht in einen Kronenkorken verwandelt – nur der Kronenkorken war und ist da.). 11. Dies führt zu Wandlung eines Aspekts des Außenhorizonts des Gegenstandes: Aus dem Horizont der Brauchbarkeit wird der Horizont der Nutzlosigkeit. 12. Jetzt kann ich (vorläufig) von einer wahren Wirklichkeit ausgehen; das frühere Phänomen war irreal. 13. Dennoch nahm ich das Geldstück – in der Täuschung – tatsächlich wahr. 14. Der Augenblick der Enttäuschung impliziert eine Richtigstellung der Wahrnehmung. Ich weiß jetzt – bis auf Weiteres – was auf der Straße liegt!

Diese Übung, die die spezifische Typik eines möglichen Erfahrungsverlaufs nachvollzieht, zeigt auf, dass Dingkonstitution ein dynamisches Geschehen ist, in dem »Gegebenheitsweisen« eines Gegenstandes sich jeweils als »Erfüllungsmöglichkeiten« für die noch »leere« Intentionalität beschreiben lassen. Erneut wird deutlich, dass alle Meinungen über die Wirklichkeit vom intentionalen Bewusstsein gesetzt sind. Intentionalität heißt: Sinnzuweisung, und die Leistung des Bewusstseins liegt in der Konstituierung von Gegenständlichkeit, von Wirklichkeit. Husserl forscht danach, durch welche Bewusstseinsleistungen wir uns ein ›Bild‹ der Außenwelt machen können, Dinge als Phänomene unseres Bewusstseins erscheinen. Dabei enthält er sich als unbeteiligt reflektierender Phänomenologe jeder Stellungnahme zum Sein; ihn interessiert das intentionale Erscheinen der Außenwelt, nicht die Frage nach ihrer ›wirklichen‹ Existenz.

In seinem Insistieren auf der Komplexität der Wahrnehmung selbst (die nicht zurückzuführen ist auf Urteilsbildungen und Konzeptualisierungen) sowie auf der leibhaften Gegenwärtigkeit eines wahrgenommenen Selbst erweist sich Husserls Konzeption der Konstitution von Außenwelt allerdings als eine raffinierte Abart des »naiven Realismus«. Raffiniert deshalb, weil der Wahrnehmende nicht mehr ein zu beschreibendes Phänomen ganz einfach vor sich hat wie ein physisches Ding: Stets ist die das Phänomen zur Erscheinung bringende Subjektivität mitzureflektieren. In diesem Vertrauen auf die der phänomenologischen Wahrnehmung offenbare »unverkürzte Wirklichkeit« bedeutet diese erste Phase der Husserlschen Phänomenologie eine Wendung gegen die Symbol- und Zeichentheorien eines »metaphysischen Realismus´« à la Helmholtz ( Helmholtz: Theorie des
Sehens
). »Phänomenologie« hieß zu dieser Zeit »der lebendigste, intensivste und unmittelbarste Erlebnisverkehr mit der Welt selbst – d.h. mit den Sachen, um die es sich gerade handelt.«


Christine Emig // Empfohlene Zitierweise