Auffassungsformen nach Husserl

Jeder Gegenstand kann mehr oder weniger »gegeben« sein, je nach Grad der »Gegenwärtigung«. Man kann leicht eine Hierarchie der möglichen Auffassungsformen feststellen:

1. Die signitive Gegenwärtigung / das bloße »Vermeinen«: Das Bewusstsein hat hier nur eine Meinung von seinem Gegenstand; z.B. kann ich über das Schaf auf der Weide sprechen, ohne es aber zu sehen noch es mir vorzustellen. Ich intendiere den Gegenstand, in dem ich an ihn denke oder eine Behauptung über ihn aufstelle, er ist mir aber nicht »gegeben«.

2. Die Phantasievergegenwärtigung: Sie tritt dann auf, wenn ich mir mit Hilfe meiner Einbildungskraft einen Gegenstand in allen Einzelheiten ausmale, allerdings ohne Verankerung in einer ›konkreten‹ Anschauung. Auch unsere Vorstellungen über literarische Gestalten oder ein Tier namens »Kronx« gehören dazu. Sie haben jetzt zwar anschauliche Fülle, aber kein anschaulich Gegebenes entspricht dem intendierten Gegenstand.

3. Die imaginative Vergegenwärtigung: Ein als wirklich oder als möglich erfahrener Gegenstand wird durch die Vorstellung vergegenwärtigt, als Erinnerung oder Erwartung.

4. Die direkte Anschauung: Jetzt sehe ich den vermeinten Gegenstand unmittelbar vor mir (»Urerfahrung« »Urimpression«). Er ist mir dann »originär gegeben«, ich habe nicht nur Meinungen, Phantasien, Erinnerungen oder Erwartungen dazu, sondern eine optische Wahrnehmung. Im Gegensatz zur Ver-Gegenwärtigung in der Erinnerung oder im Phantasieren handelt es sich hier um die wirkliche »Gegenwärtigung«. Diese direkte Anschauung ist das höchste Erkenntnisprinzip.

Das Erlebnis der Evidenz ist dann erreicht, wenn es zu einer Übereinstimmung zwischen dem Gemeinten und dem mir gegenwärtigen Gegenstand kommt.

Meine Aussage ist erst dann in ihrem Wahrheits- und Erkenntnisgehalt ausgewiesen, wenn sie durch einen entsprechenden intentionalen Akt der Anschauung erfüllt werden kann. Indem ich zwischen meiner Bedeutungsintention (»Das ist ein Schaf!«) und dem realen intendierten Gegenstand (»Ich sehe das Schaf vor mir.«) einen Vergleich anstelle, gelange ich im idealen Fall zur einer »identifizierenden Synthese«, die meine Bedeutungsintention bestätigt. Empirische Erkenntnis heißt deshalb: Bedeutungserfüllende Akte bestätigen unsere Bedeutungsintention. Wie das Bewusstsein es ›macht‹, daß sich vor ihm Objekte aufbauen, die ihm als etwas an sich Seiendes erscheinen, können Sie auf der Seite Gegenstandskonstitution nach Husserl erfahren.


Christine Emig // Empfohlene Zitierweise