Phänomenologische Reduktion:
Epoché und eidetische Reduktion

Das intentionale Bewusstsein des normalen Menschen, die »vorphilosophische Einstellung«, ist, wie Husserl formuliert, in die aktuell erfahrenen Gegenstände »verschossen«. Er lebt »geradehin« in der Hingabe an die als seiend aufgefassten Gegenstände. Statt nun im Strom des »Geradehin-Lebens« mitzuschwimmen, versucht sich der Phänomenologe darüber zu erheben, die reflexive Perspektive des unbeteiligten Beobachters einzunehmen. Es geht darum, alle »Vor-Urteile« zu verabschieden, alles Wissen zu widerrufen, indem man zu einem radikalen Nichtwissen zurückgeht. Eine solche Absage an die Wissenschaft ist mit der Weigerung gleichzusetzen, zur Erklärung überzugehen, denn jemand, der das Rot eines Lampenschirms erklärt, sieht von dem »gegebenen« Rot ab, das er wahrnimmt, und setzt an seine Stelle eine Erläuterung über Schwingungsfrequenzen oder ähnliches. Husserl will aber »zur Sache selbst«, und das heißt: den Gegenstand in seiner direkten Gegebenheit als »reines« (d.h. theoriefreies) Phänomen beschreiben.

Um vom Seienden als real vermeinten Ding zum Phänomen, dem intentionalen Gegenstand eines konkreten physischen Erlebnisses zu gelangen, ist eine Einstellungsänderung im Wahrnehmenden nötig. Dies geschieht durch eine spezifisch philosophische Haltung, die »Epoché« (gr.: Enthaltung, Innehalten), dem Einklammern und Suspendieren des allgemein und unreflektiert hingenommenen Glaubens an die Existenz der Welt. Nur die unmittelbar gegebene Sache soll sprechen, alle ›Vorgaben‹ werden verlassen, um absolute Vorurteilslosigkeit zu erzielen. In einer »historischen Epoché« werden Theorien und Meinungen des Alltags, der Wissenschaft, des religiösen Glaubens ausgesetzt. Die »existentiale Epoché« enthält sich aller Existentialurteile, selbst jener, bei denen, wie etwa bezüglich der Existenz des eigenen Ich, eine absolute Evidenz vorliegt.

Wichtig dabei ist, daß die Epoché die in unserem ›naiven‹ Verständnis natürlich daseiende Welt nicht negiert, sondern lediglich eine Urteilsenthaltung bez. eines räumlich-zeitlichen Daseins vornimmt. Die natürliche Welt verliert damit also nicht ihr Dasein, sondern ihre Geltung als real existierend, d.h. ihre implizit vorausgesetzte »Transzendenz«. Die Seinsgeltung wird einfach ›durchgestrichen‹. Welt kommt auf diese Weise als konstituierte Welt eines konstituierenden Bewusstseins in den Blick; das Sein der Dinge wird konsequent im »Wie-ihres-Erscheinens« wahrgenommen.

Ist dies erreicht, kann sich nun in einem weiteren Schritt die Reduktion auf den intentionalen Gegenstand (ein Baum, eine Zahl etc.) oder den Bewusstseinsakt selbst (wahrnehmend, phantasierend, erinnernd) richten. Mithilfe der »eidetischen Reduktion«, der geistigen Umstellung vom Phänomen zum Wesen eines Sachverhaltes, gelangt man zur »Wesensschau«, z.B. von »diesem individuellen Rot« auf das »Wesen Rot«. Ein mögliches Verfahren dabei ist die »eidetische Variation«: Anhand eines Beispiels lässt sich durchspielen, was sich durch verschiedene Variationen hindurch als gleichbleibend bzw. als allgemeine Struktur durchhält. Diese Wesensallgemeinheiten werden erschaut, indem der phänomenologisch Wahrnehmende von den individuellen Besonderheiten der faktisch ablaufenden Denkakte abstrahiert. Denn die wahrgenommenen individuellen Gegenstände sind mit Zufälligkeiten behaftet (es kann auch anders sein); dem Wesen dagegen ist die Notwendigkeit eigentümlich (es kann nicht anders sein). Es ist z.B. möglich, sich Bewusstseinsakte mit verschiedenem Inhalt und von verschiedener Art vorzustellen, nicht aber, sich einen Bewusstseinsakt ohne jeden Bezug auf einen Gegenstand vorzustellen. Ob dieser Gegenstand tatsächlich existiert, ist ebenso gleichgültig wie die Frage, ob sich das Bewusstsein in seiner Beschreibung des Erlebten irrt. Entscheidend ist die Intentionalität des Bewusstseins als sein Wesenszug. Ich kann z.B. auch in meiner Phantasie anhand von Umformungen ausprobieren, inwieweit ein Tisch gedanklich modifiziert werden kann, bevor er seine ›Tischhaftigkeit‹ verliert. Indem ich die Grenzen der Variationsmöglichkeiten auslote, enthüllt sich die Sache selbst in ihrer Substanz und kausalen Einheit.

Damit wären die Wesensgesetze eines vorgestellten Gegenstandes bestimmt, die zu überschreiten zum Ausschluß führen. Diese Wesensgesetze gelten a priori, d.h. sie können unabhängig von einer Bestätigung durch eine empirische Untersuchung erkannt werden.

Das Wesen zeigt sich dem Betrachter demnach durch eine unmittelbare Anschauung – es hat keinerlei metaphysischen Charakter. Husserl ist der Überzeugung, daß die letzte Rechtsquelle für jede vernünftige Aussage im Sehen selbst liegt; das »originär gebende« Bewusstsein geht jeder Erklärung voraus. Die Wesenserkenntnis ist für ihn deshalb die notwendige Einführung in die Erkenntnis der materiellen Welt, sie ist die Grundlage jeder Empirie. Die Phänomenologie will, indem sie auf unsere sichere Erfahrung zurückgreift, die Basis für zuverlässige Erkenntnis bilden.

Als letzte Konsequenz seiner Überlegungen kommt Husserl, unter dem Widerspruch einiger seiner bisherigen Weggefährten, zur Transzendentalen Reduktion, einer Radikalisierung der Epoché, mit deren Hilfe sein Philosophieren schließlich eine idealistische Richtung einschlägt. Sie wird zur Transzendentalphilosophie.


Christine Emig // Empfohlene Zitierweise