Sinne und Synapsen ist ein Projekt des Instituts für Germanistische und Allgemeine Literaturwissenschaft der RWTH Aachen.

© Die Rechte an den hier veröffentlichten Artikeln liegen bei den Autoren und der RWTH Aachen.

Projektleitung:
Dr. Christine Emig
Prof. Dr. Monika Fick

Husserls Phänomenologie

Phänomen ist also das, was sich zeigt, als sich zeigendes. Das heißt zunächst: es ist als es selbst da, nicht irgendwie rekonstruiert.

Lichtstrahlen, die von einem Stuhl ausgehen, treffen auf die Augen eines Menschen, wo sie im ersten Neuron mittels des Aktionspotentials in eine elektrische Reaktion umgewandelt, zum zweiten und dritten Neuron in der Netzhaut fortgeleitet und mit Hilfe von Nervenbahnen (radatio optica) vom lateralen Kniehöcker zum hinteren Pol des Gehirns transportiert werden, wo in den Arealen 17, 18 und 19 eine Interpretation und logische Zuordnung des Gesehenen erfolgt. Der Sehende kann den Stuhl nun identifizieren. (vgl. Anatomie des Sehens).

So oder ähnlich das Wahrnehmungsmodell der kognitiven Wissenschaften. Aber weiß ich damit etwas über das Wie meiner Wahrnehmung? Tatsächlich können neurobiologische Erläuterungen nichts über das »Erlebnis Wahrnehmung« aussagen, sondern lediglich über physiologische Vorgänge, also über das, was dem Sehen, Hören, Tasten etc. vorausgeht. Eine Rede über Wahrnehmung müsste sich aber auf die Wahrnehmung selbst beziehen, also z.B. auf den Stuhl, wie er uns erscheint und auf die Leistungen des Bewusstseins bei der Konstitution dieses Gegenstandes...

Wer heute von »Phänomenologie« spricht, verbindet sie zuerst mit einem Namen: dem des Philosophen Edmund Husserl (1859-1938). Seine Analysen können als der erste großangelegte Versuch gewertet werden, die begrifflichen und erkenntnistheoretischen Grundlagen für eine systematische, autonome Wissenschaft des Bewusstseins zu legen. Husserls Zugangsweise zum Psychischen war ein Neuanfang, der sich vom methodischen Desaster der aktuellen Theorien distanzierte und mit dem Motto »Zu den Sachen selbst!« einen Appell für ein voraussetzungsloses Wahrnehmen der »Dinge der Welt« in ihrer unverkürzten Wirklichkeit formulierte. Seine Phänomenologie verstand sich als Alternative zu der Objektivierung des Subjekts im zeitgenössischen Naturalismus einerseits und dessen Inthronisation als Grund allen Seins im Psychologismus andererseits.

Husserl bestreitet die Notwendigkeit externer Erklärungen und Theorien. Sein Programm zielt auf eine radikal vorurteilsfreie Erkenntnis, eine Erkenntnis von Dingen und Sachverhalten im »Wie-ihres-bewusstseinsmäßigen-Erscheinens«. Aber können denn unsere Bewusstseinsakte und -inhalte Wahrheit verbürgen? Von seinem Lehrer Franz Brentano übernimmt Husserl die Auffassung, daß nur der »inneren Wahrnehmung« unmittelbare Evidenz zukommt, während die Wahrnehmung der äußeren Dinge nur indirekt zugänglich ist, also notwendigerweise geglaubt werden muss. Dasselbe Wasser, das sich mit der erwärmten Hand als kalt und mit der abgekühlten zugleich als warm anfühlt, lässt uns an der wirklichen Existenz des Warmen und Kalten zweifeln, nicht aber an der jeweiligen Warm- oder Kaltempfindung. Husserl nennt das ›leibhafte‹ oder anschauliche Erleben eines Sachverhaltes sein »originäres Gegebensein«: Etwas erscheint für mich als etwas Erlebbares, Erkennbares, Erfahrbares.

Husserls philosophische Methode setzt also am unmittelbaren Bewusstseinserleben an: Im Phänomen als dem sich im Bewusstsein Zeigenden (gr. Phainomenon: das Erscheinende) haben wir einen direkten Zugang zu den Sachverhalten so wie sie sich geben. Das Phänomen ist das in der Welt »an sich« Seiende, aber rein so, wie es sich aktuell »für mich« zeigt.

»Wahrheit«, »Evidenz« und »Objektivität« eines Sachverhaltes werden ausschließlich innerhalb der Wahrnehmung gesucht. Die »Dinge« und ihr Wesensgehalt offenbaren sich in subjektiven Vollzügen, im Bewusstsein-von-den-Sachen, und sind auf diese Weise einer direkten Analyse zugänglich. Als »Prinzip der Prinzipien« formuliert Husserl deshalb:

[...] daß jede originäre gebende Anschauung eine Rechtsquelle der Erkenntnis sei, daß alles, was sich uns in der ›Intuition‹ originär (sozusagen in seiner leibhaften Wirklichkeit) darbietet, einfach hinzunehmen sei, als was es sich gibt, aber auch nur in den Schranken, in denen es sich gibt, kann uns keine erdenkliche Theorie irre machen.

»Außenwelt« ist für die frühe Phänomenologie wahrnehmbar, so wie sie »sich gibt«, nicht Symbol oder Zeichen für ein unerkennbares »Ding an sich« und auch nicht Konstrukt wissenschaftlicher Operationen.

Husserls Motto »Zu den Sachen selbst« impliziert zunächst eine Analyse der Korrelation zwischen »Noema« (dem einen Gegenstand-im-Wie-seiner-Gegebenheit) und »Noesis« (der Bewusstseinsakte, in denen der betreffende Gegenstand dem Bewusstsein erscheint). Indem Husserl diese Korrelation als apriorisch, als erfahrungsvorgängige Erkenntnis definiert, kann er von den zufälligen, faktischen Bewusstseinsabläufen abstrahieren und in der »eidetischen Reduktion« die Wesensgesetze, deren eidetische Struktur, bestimmen ( Phänomenologische Reduktion: Epoché und eidetische Reduktion).

In der Weiterentwicklung von Husserls Denken erfährt die phänomenale »Einstellung« allmählich eine methodische Wendung. Spätestens seit dem ersten Band der »Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie« von 1913 ›kippt‹ die noematisch-noetische Korrelation hin zur ›Aktseite‹, den Leistungen des intentionalen Bewusstseins. Hatten die früheren eidetischen Analysen, trotz »Einklammerung« der Seinsgeltung, noch einen »mundanen« Glauben an das Sein der Welt erhalten (Gegenstands-konstitution nach Husserl), reduziert Husserl nun Sein endgültig auf »intentionales Vorgestelltsein«. Dem Seienden wird ein autonomes Bestehen, das wir ihm in unserer ›naiven‹ – Husserl nennt es »natürlichen« – Einstellung selbstverständlich zubilligen, abgesprochen und es wird als ein sich in Bewusstseinsverläufen bildender Sinn interpretiert. Die transzendentale Reduktion bringt das Sein der Dinge als Bewusst-Sein hervor ( Transzendentale Reduktion). Von da an versteht Husserl seine Phänomenologie als »phänomenalen Idealismus«.

Viele seiner Schüler wehrten sich gegen Husserls ›transzendentale Wendung‹. Der Protest gegen seinen Rückfall in den Idealismus äußerte sich in dezidiert nicht-egologischen Theorien des Bewusstseins; zu nennen wären besonders Heideggers Fundamentalontologie (n.a.) und Merleau-Pontys auf die Leiblichkeit referierende Phänomenologie (n.a.).

Husserl reagiert auf die vehemente Kritik und unter dem Einfluss Diltheyscher Konzepte mit einer neuen Darstellung des Gehalts seiner transzendentalen Phänomenologie am Begriff der »Lebenswelt«. In seiner unvollendeten Schrift von 1936, »Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie« führt er alle kognitiven Leistungen, und damit auch den sog. Objektivismus der Naturwissenschaften als dominantes Paradigma, auf das Fundament der uns selbstverständlich umgebenden Lebenswelt zurück. Mit dem transzendentalphänomenologischen Aufweis der subjektiven Genesis aller Seinsbehauptungen erinnert Husserls Analyse an die Subjektbezüglichkeit und damit lebensweltliche Verantwortlichkeit jeder wissenschaftlichen Erkenntnispraxis. (siehe Lebenswelt)


Christine Emig
Empfohlene Zitierweise dieses Artikels