Husserls Lebenswelt
Phänomenologie als genetische Theorie der Lebenswelt

Das Ideenkleid macht es, daß wir für wahres Sein nehmen, was eine Methode ist.

Die 1936 entstandene Abhandlung »Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie« bezeichnet die letzte Etappe in Husserls Denken. Sie versteht sich als Diagnose und Kritik der einseitigen Wahrheits- und Wirklichkeitsvorstellung, die durch den Primat der sog. ›objektiven‹ Wissenschaften entstanden ist. Dies geschieht mit Hilfe einer Transzendentalen Phänomenologie, die sich wieder der »Lebenswelt« zuwendet, der vorreflexiven, uns als selbstverständlich gegebenen ›natürlichen‹ Welt. Impliziert ist darin das Programm einer lebensweltlichen ›Archäologie‹, die die »habituellen« – zur unreflektierten Gewohnheit gewordenen – Setzungen unserer verwissenschaftlichten modernen Welt transzendental (also von den Leistungen des Subjekts her) aufklärt und das lebensweltliche Fundament darunter freilegt. Diese rationale Analyse von Seinsbehauptungen hätte sich wohl auch gegen den Irrationalismus der Heideggerschen »Fundamentalontologie« gerichtet; Husserl starb 1938 und konnte seine Vorstellungen einer »Ontologie der Lebenswelt« nicht mehr verwirklichen.

In der Analyse der Konstitution von Gegenständen wurde gezeigt, wie mit Hilfe der Horizontintentionalität die situative Jeweiligkeit eines Gegenstandes auf eine ständige und ›unerschütterliche‹ Existenz hochgerechnet wird; ein ›Seinsglaube‹ entsteht ( Gegenstandskonstitution nach Husserl). Husserl geht nun den Schritt vom individuellen Bewusstsein weiter zum Gesamthorizont aller möglichen Erfahrung, die er als »Lebenswelt«, als Korrelat des Lebens überhaupt bestimmt. Unsere Lebenswelt hat einen offenen Horizont, da selbstverständlich der sinngebende Prozess von Abschattungen und Füllung von Leerhorizonten nie abgeschlossen sein kann. Sie ist die Gesamtheit meiner subjektiven Sinnhorizonte. Gelegentlich finden in diesem »Horizont aller Horizonte« »Urstiftungen« statt, nämlich dann, wenn z.B. ein bisheriger Gegenstandshorizont durch eine neue ›Erfindung‹ überschritten wird: ein neues Werkzeug, eine Theorie, eine Entdeckung etc. Sobald der Umgang mit der Urstiftung Gewohnheit wird, ist eine »passive Habitualisierung« erfolgt. Durch sie bildet sich ein neuer Horizont, in dem unser Bewusstsein fortan lebt, und dessen ursprüngliche Entstehung nicht mehr weiter reflektiert oder neu vollzogen wird. Er geht mit einem »Seinsglauben« in Bezug auf die nun allmählich sich festsetzende, sich »sedimentierende« habitualisierte Urstiftung einher.

Dasselbe geschah auch, so konstatiert Husserl, mit der Urstiftung der mathematisierten Naturwissenschaften, die, zum Paradigma von Wissenschaftlichkeit überhaupt geworden, ihren Ursprung aus dem subjektiven Erfahrungshorizont vergessen hat. Von den einst ausschließlich praxisbezogenen Messverfahren mit direktem Bezug zur Lebenswelt ging der wissenschaftliche Weg in einem irreversiblen Abstraktionsprozess hin zu reinen, ›absoluten‹ Denkoperationen und zur Auflösung der Welt in symbolisch-mathematische Modelle. Ihr Ideal ist die unbedingte wissenschaftliche Objektivität ohne Relation auf die jeweilige subjektive Gegebenheit, ihre Überzeugung die universale Geltung dieses naturwissenschaftlichen Denkens. Aus den gemeinschaftlichen, stets kommunikativ korrigierten offenen Horizonten der Lebenswelt entwickelte sich so die Idee einer an sich seienden Natur. Husserls transzendental-phänomenologische Analyse legt nun das »lebensweltliche Apriori« dieses Geltungsanspruchs frei: die »wahre Natur« der objektiven Wissenschaften ist nichts anderes als das Erzeugnis des naturforschenden Geistes, Produkt einer Auffassungsleistung, die urgestiftet wurde, kein »Ansich«! Der positivistisch orientierte Naturwissenschaftler hat nun aber, aufgrund der unreflektierten Übernahme von Sinn- und Seinssetzungen durch die passive Habitualisierung, deren Genese aus dem subjektiven Erfahrungshorizont vergessen und fährt fort als Techniker seiner Methode. Er ist sich seiner eigenen Konstitutionsleistungen im Erzeugen eines angeblich »positiven« Sachverhaltes nicht bewusst. In diesem Sinne spricht Husserl mit einer schönen Metapher vom »Ideenkleid« der Naturwissenschaft, das die Lebenswelt als »›objektiv wirkliche und wahre‹ Natur« verkleidet.

Für Husserl zeugen die dominanten objektivistischen Deutungen der Welt von einem Mangel an Selbsttransparenz und einer Ignoranz gegenüber den lebensweltlichen Voraussetzungen. Durch seine Analyse der genetischen Horizontkonstitution naturwissenschaftlicher Erkenntnis hat Husserl diese Vergessenheit der Genesis aller Horizonte in der subjektiven Erfahrung aufgedeckt als »Selbstvergessenheit des Geistes«. Die phänomenologische Entlarvung der »Naivität« der objektiven Wissenschaften setzt er deshalb mit einer Rückkehr des Geistes »zu sich selbst« gleich, und fordert infolgedessen einen neuen Primat geisteswissenschaftlicher Erkenntnis als der einzigen zur Selbsterkenntnis fähigen. Die neue Ratio, die jetzt gefragt ist, soll verstanden werden als die radikale Selbstverständigung des Geistes in Form universaler verantwortlicher Wissenschaft, einer Wissenschaft, die Fragen des Seins und der Norm zu ihrer Erkenntnisaufgabe macht und damit die Sinnkrise der modernen Welt zu überwinden vermag.


Christine Emig // Empfohlene Zitierweise