Kurzbiografie

Wilhelm Dilthey

Geb. 19.11.1833 in Mosbach-Biebrich bei Wiesbaden als Sohn eines calvinistischen Pfarrers. Studium der Theologie, Philosophie und Geschichte an den Universitäten Heidelberg und Berlin, Schüler der Philosophen Kuno Fischer und Friedrich Adolf Trendelenburg. Nach zweijähriger Gymnasiallehrerzeit Professor in Basel, dann in Kiel, Breslau und Berlin. Umfangreiche schriftstellerische Tätigkeit zu Fragen der Philosophie und Erkenntnistheorie, Psychologie und Pädagogik, Kunst und Literatur. Mitglied der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Gestorben am 1.10.1911 in Seis bei Bozen.

Als Geschichts- und Kulturphilosoph war Wilhelm Dilthey um die Jahrhundertwende einer der einflussreichsten Vertreter der »Lebensphilosophie« in Deutschland. In Abgrenzung zu den damals dominierenden Naturwissenschaften gab er den von ihm so genannten »Geisteswissenschaften« ein eigenes Profil und eine eigene Erkenntnismethode: Denn die Naturwissenschaften erklärten, mit (angeblich) objektiven Verfahren, die physische Welt, die Geisteswissenschaften verstünden die menschliche Welt. Werkzeug dieses Verständnisses ist die von Schleiermacher initiierte Methode der Hermeneutik, die Dilthey weiterentwickelte, die Kunstlehre des Verstehens.
Verstehen hat, anders als bei den rein kausal verfahrenden Naturwissenschaften, die Vernunft durch Gefühl, Wille und Vorstellung zu übersteigen. Verstehen kann funktionieren, da es auf der Grundlage der allgemeinen Menschennatur operiert; die Gemeinsamkeit der menschlichen Lebensvollzüge, die gleichbleibenden Zusammenhänge der menschlichen Natur machen es möglich, die Isolation der Menschen zu durchbrechen und ein Wiederfinden des Ich im Du zu bewerkstelligen:

Das Verstehen ist ein Wiederfinden des Ich im Du; der Geist findet sich auf immer höheren Stufen von Zusammenhang wieder; diese Selbigkeit des Geistes im Ich, im Du, in jedem Subjekt einer Gemeinschaft, in jedem System der Kultur, schließlich in der Totalität des Geistes und der Universalgeschichte macht das Zusammenwirken der verschiedenen Leistungen in den Geisteswissenschaften möglich. Das Subjekt des Wissens ist hier eins mit seinem Gegenstand, und dieser ist auf allen Stufen seiner Objektivationen derselbe.

Der Verstehensprozeß ist deshalb ein subjektiver Akt des Sich-Hineinversetzens, Nachfühlens und Nachbildens (eines Wegs von außen nach innen sozusagen) in einer Art Gegenwärtigung des ursprünglichen Erlebnisausdrucks bzw. Schaffensvorgangs. Besonders relevant wird er für das Verstehen von Kunst und Literatur, die Dilthey als die Höchstformen des menschlichen Geistes begreift und die deshalb das jeweilige Niveau der Menschheitsentwicklung anzeigen.

Die stark psychologisierende, die historischen Differenzen überspielende hermeneutische Methode hat lange die verschiedenen Geisteswissenschaften, besonders die germanistische Literaturwissenschaft (geistesgeschichtliche Schule der zwanziger, »Werkimmanenz« der fünfziger Jahre) beeinflusst. Ihr ahistorischer Charakter und ihre in der Bewertung der Kulturleistungen deutlich klassizistischen Tendenzen haben später zu kritischer Auseinandersetzung mit ihren Grundsätzen und Erkenntnisinteressen herausgefordert.

Wichtige Schriften

Einleitung in die Geisteswissenschaften (1883)
Die Entstehung der Hermeneutik (1900)
Das Erlebnis und die Dichtung (1906)
Der Aufbau der geschichtlichen Welt
in den Geisteswissenschaften (1910)

Sekundärliteratur

Jürgen Habermas: Erkenntnis und Interesse,
Frankfurt/M. 1968, Kap. II, 7 u. 8.
Erwin Hufnagel: Wilhelm Dilthey.
Hermeneutik als Grundlegung der Geisteswissenschaften,
in: Klassiker der Hermeneutik. Hrsg. von Ulrich Nassen,
Paderborn/München/Wien/Zürich 1982. S. 173-206.
Matthias Jung: Dilthey zur Einführung, Hamburg 1996.