Kurzbiografie

Edmund Husserl

Geb. 8.4.1859 in Prosnitz (Mähren),
gest. 27.4. 1938 in Freiburg.

Ab 1876 in Leipzig, ab 1878 in Berlin Studium der Mathematik, Physik und Philosophie, 1882 Dissertation über die Theorie der Variationsrechnung, für kurze Zeit Assistent des renommierten Mathematikers Karl Weierstraß, der großen Wert auf die logische Strenge der Beweise legte.

1881/82 und 1884-1886 Psychologiestudium bei Franz Brentano in Wien. Dessen Begriff der Intentionalität des Bewusstseins wird Husserl weiterentwickeln.

1887 in Halle Habilitation Über den Begriff der Zahl. Psychologische Analysen. Während er dort noch versuchte, logische Gesetze durch Rekurs auf psychische Tätigkeiten zu begründen, wendet er sich spätestens mit seinen 1900/01 erschienenen »Logischen Untersuchungen«, die seinen Ruf als bedeutenden Wissenschaftler nachhaltig prägen, gegen eine Vermengung von Logik und Psychologie.

1887 wird er Privatdozent in Halle, von 1901-1916 Professor in Göttingen. Getreu seinem methodischen Postulat »Zu den Sachen selbst« entwickelt er dort einen ‚phänomenologischen Realismus’, der in einer Bewusstseinsanalyse die subjektiven Bedingungen von Erkenntnis und die angemessene Erfassung der Wesensgesetze von Gegenständen beschreibt und erforscht.
Ab 1913, mit der Veröffentlichung seiner »Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie«, führt Husserl – zum Leidwesen einiger Weggefährten – alle Phänomene auf ein »transzendentales Ich« zurück, und entwickelt so die Beschreibung der intentionalen Akte in einem transzendentalphilosophischen Sinne weiter.

1916 nimmt er einen Ruf der Universität Freiburg auf einen Lehrstuhl für Philosophie an, wo er bis zu seiner Emeritierung 1928 lebt. Sein Mitarbeiter Martin Heidegger widmet ihm 1926 sein Werk »Sein und Zeit«. Als zum Protestantismus konvertierter Jude und Repräsentant eines »undeutschen« Intellektualismus wird ihm 1935 die Lehrerlaubnis entzogen, der Lehrstuhlnachfolger Heidegger untersagt seinem ehemaligen Mentor das Betreten der Universität.

1937 wird ihm schließlich durch das Reichsministerium die Erlaubnis zur Teilnahme am IX. Internationalen Kongreß für Philosophie verwehrt. Husserl stirbt am 27.4.1938.

Sein Nachlaß, etwa 40000 meist stenographierte Manuskriptseiten, wird danach von dem belgischen Franziskanerpater Leo van Breda außer Landes geschmuggelt und damit vor der Vernichtung durch die Nationalsozialisten gerettet. Die noch von Husserl selbst besorgten Publikationen sowie die im Husserl-Archiv in Löwen aufbewahrten Manuskripte sind seit 1952 in den »Gesammelten Werken« (»Husserliana«) der Öffentlichkeit zugänglich.

Der Einfluss des phänomenologischen Denkens Husserls reichte von den philosophischen Systemen eines Heidegger, Scheler, Sartre, Merleau-Ponty bis zum postmodernen Dekonstruktivismus Derridas, seine phänomenologische Methodik lieferte zudem entscheidende Impulse für die phänomenologische Literaturwissenschaft (Ricoeur, Ingarden, Lobsien, Fellman) und Rezeptionsästhetik (Iser), und sein Konzept der »Lebenswelt« befruchtete die soziologische und psychologische Diskussion.

Die bedeutendsten Veröffentlichungen:

1900: Logische Untersuchungen.
Erster Teil: Prolegomena zur reinen Logik

1901: Logische Untersuchungen.
Zweiter Teil: Untersuchungen zur Phänomenologie
und Theorie der Erkenntnis.

1913: Ideen zu einer reinen Phänomenologie
und phänomenologischen Philosophie.
Erstes Buch: Allgemeine Einführung in die
reine Phänomenologie.
In: Jahrbuch für Philosophie und
phänomenologische Forschung.
Bd. I. Halle a.d.S. 1913.

1928: Vorlesungen zur Phänomenologie
des inneren Zeitbewußtseins

1931: Méditations cartésiennes. Dt. postum 1950:
Cartesianische Meditationen.

1936: Die Krisis der europäischen Wissenschaften
und die transzendentale Phänomenologie (unvollendet),
veröffentlicht in den Bänden VI und XXIX
der »Husserliana«.

Kritische Literatur (Sekundärliteratur)
zur Biografie:

Held, Klaus
Einleitung.
In: Edmund Husserl: Die phänomenologische Methode. Ausgewählte Texte I.
Mit einer Einleitung hrsg. von Klaus Held.
Stuttgart 2002, S. 5-51.

Prechtl, Peter
Edmund Husserl zur Einführung.
Hamburg 1998 (Zur Einführung, 181).