Fragmente des Raumes:
Claude Monets Serie des Bahnhofs Saint-Lazare

Im Januar des Jahres 1877 hatte Claude Monet einem für den Maler überaus reizvollen Motiv erhöhte Aufmerksamkeit geschenkt, und seine Eindrücke in zahlreichen Darstellungen festgehalten. Die Bildserie, die er vom Pariser Bahnhof Saint-Lazare fertigte, unterscheidet sich in einem entscheidenden Punkt von Monets späteren Serien, wie derjenigen der Kathedrale von Rouen. Der Künstler wählt nicht einen festen Beobachterstandpunkt, von dem aus er den Wechsel der optischen Erscheinungen beobachtet, sondern er sucht verschiedene über das Bahnhofsgelände verteilte Perspektiven. Wie die Serie der Kathedrale von Rouen fordert auch die Bahnhofsserie dazu auf, geschlossen wahrgenommen zu werden. Auf diese Weise lassen sich die Einzelbilder zu einer Bildfolge aneinanderreihen, die eine Sequenz entstehen lässt, die an kinematographische Wahrnehmungsweisen erinnert, ein Medium, das Monet noch nicht kennen konnte.

Der veränderte Standort führt jeweils zu einer vollkommen neuen Erfahrung des Raums. Monet unternimmt hier einen Versuch, sich der Präsenz eines Gegenstands zu vergewissern, indem er den Gegenstand umkreist. Da die Zeit zwischen den einzelnen Momentaufnahmen verstreicht, erlebt der Bildbetrachter eine jeweils neue Wahrnehmungserfahrung. Erneut stellt sich hier die Frage, ob die Dinge, die das Auge wahrnimmt, tatsächlich noch dieselben sind, wenn sich der Sinneseindruck radikal verändert. Jedes Einzelbild der Serie wird zu einer originären, nicht wiederholbaren Augenblickserfahrung. Die Summe der Einzelbilder stellt einen Versuch dar, hinter die bloße Erscheinung zu blicken, um so die Gegenstände in ihrer tatsächlichen Beschaffenheit zu erfahren. Jedoch führt die Heterogenität der Bildausschnitte und der Wandel der optischen Wahrnehmung bei nur leicht verändertem Standort auch in diesem Fall nicht zu einer zufriedenstellenden Erfassung des Objekts. Der Sinneseindruck, die Momenterfahrung, wird zur einzigen Konstanten in einer als flüchtig erfahrenen Welt der Erscheinungen.


Julian Eilmann // Empfohlene Zitierweise