Der Schleier vor den Dingen
Die Malerei des Impressionismus

Die impressionistische Malerei stellt eine der letzten Strömungen der neuzeitlichen Malerei dar, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, eine vom Auge wahrnehmbare Welt im Bild festzuhalten. In diesem Sinne geht es den Impressionisten um Wirklichkeitsillusion.Allerdings besteht der grundsätzliche Unterschied zu einer als realistisch bezeichneten Malerei darin, dass der Impressionismus die Welt nicht so wiederzugeben versucht, wie sie vermeintlich objekt vorhanden ist. Die impressionistischen Künstler sind sich darüber im Klaren, dass das, was sie sehen, immer nur ein subjektiver Sinneseindruck sein kann. Eine solche subjektive Wahrnehmungserfahrung gilt es möglichst getreu festzuhalten. Hieraus resultiert die Skizzenhaftigkeit der impressionistischen Gemälde, da der Anspruch, einen bestimmten Augenblick festzuhalten, eine rasche Pinselführung verlangte.

Claude Monet:
»Impression, soleil levant«

Der Maler Eugéne Boudin rät dem jungen Impressionisten Claude Monet »hartnäckig den ersten Eindruck [zu] bewahren, der immer der beste sei«. Der erste Eindruck ist für einen Impressionisten wie Boudin deshalb so wertvoll, da dieser die unvermitteltste und demnach direkteste Wahrnehmung der Dingwelt zulasse. Verstandesmäßige Reflexion sollte möglichst ausgeschaltet werden.

Arthur Sisley:
»Brücke von Argenteuil«

Claude Monet:
»Frau mit Sonnenschirm«

Die Vorstellung der Impressionisten, dass die Dinge der menschlichen Wahrnehmung nur in Gestalt ihrer wechselvollen Erscheinungen zugänglich seien, äußert sich am deutlichsten in ihrer Ablehnung des Prinzips der Lokalfarbe. Die europäische Kunsttheorie ging seit der italienischen Renaissance fast durchweg davon aus, daß jedem Gegenstand eine Eigenfarbe angehöre (wie beispielsweise das Grün dem Gras), eine Farbe, die lediglich erhellt oder verdunkelt werden konnte. Die Bildgegenstände der impressionistischen Gemälde verfügen demgegenüber nicht über eine Farbigkeit, die ihnen unabhängig von Licht und Atmosphäre anhaftet. Das Aussehen der Dinge ist nur durch den Schleier erfahrbar, den Licht und Luft darstellen. Da die Gegenstände hinter ihren Erscheinungen zu verschwinden scheinen, kann es dem Impressionisten nicht um eine möglichst mimetische Abbildung des Wahrgenommenen gehen. Die Dinge entziehen sich dem Auge des Betrachters.

»Das Motiv ist für mich ohne Bedeutung. Was ich wiedergeben möchte, ist das, was sich zwischen dem Motiv und mir abspielt.« (Claude Monet)
(Ein Prinzip, das Monet in seinen Serienbildern angewandt hat)

 

Nicht das abgebildete Objekt in seiner zeitlosen Beschaffenheit interessiert den Impressionisten, sondern die Erscheinung, in der sich das Objekt zu einem bestimmten Zeitpunkt einem wahrnehmenden Subjekt präsentiert. Bei der impressionistischen Kunst handelt es sich demnach nur in dem Sinne um Wirklichkeitsillusion, als hier eine Wirklichkeit dargestellt wird, die nur subjekts- und zeitgebunden erlebt werden kann. Für den Impressionisten ist eine Malerei ohne Betrachter nicht denkbar. Der individuell empfundene Sinneseindruck stellt die Grenze dar, über die der impressionistische Maler nicht hinauskommen kann. Gleichwohl hatte ein Impressionist wie Claude Monet in seinen Serien mehrfach den Versuch unternommen, die Grenze der Erscheinungen zu überwinden und zu einer unmittelbaren Erfahrung der Dinge zu kommen.


Julian Eilmann // Empfohlene Zitierweise