Sinne und Synapsen ist ein Projekt des Instituts für Germanistische und Allgemeine Literaturwissenschaft der RWTH Aachen.

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Projektleitung:
Dr. Christine Emig
Prof. Dr. Monika Fick

»Seh-Störungen«
Die bildende Kunst um 1900

Die Frage, in welchem Verhältnis Kunst und Wirklichkeit zueinander stehen, hat die bildende Kunst seit jeher beschäftigt. Schon Aristoteles wies der europäischen Malerei mit seinem Mimesis-Konzept den Weg zu einer Darstellungsweise, die spätestens seit der Renaissance Kunsttheorie und –praxis beherrschte: Die Aufgabe der Malerei sei es, eine vom Auge wahrgenommene Außenwelt möglichst exakt auf der Leinwand wiederzugeben. Die Malerei wurde an einer Wirklichkeit gemessen, von der angenommen wurde, dass sie unabhängig vom Betrachter objektiv zu erfahren ist.

Nachdem Naturwissenschaften und Sinnesphysiologie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zunehmend zu der Erkenntnis gelangten, dass die wahrnehmbare Welt keineswegs unmittelbar erfahrbar ist, sondern in hohem Maße von den Wahrnehmungsfähigkeiten des Subjekts abhängt, wurde der Realismus-Anspruch der Malerei von den Künstlern vehement in Frage gestellt. Die bildende Kunst um 1900 thematisiert auf unterschiedliche Weise, was eine visuelle Kunst zu leisten vermag, wenn der Sinneseindruck die Anschauung der Dinge nicht ermöglicht, sondern geradezu verstellt. So wird das Wissen um die Subjektivität des eigenen Blicks von den Impressionisten im Malvorgang reflektiert und zum eigentlichen Bildthema. Wie keine Strömung der europäischen Malerei zuvor erhebt der Impressionismus das wahrnehmende Auge zum Maßstab der Wirklichkeitswiedergabe. Mit dem Bewusstsein um den Scheincharakter der Wahrnehmung wurde die Suche nach einer unmittelbaren Anschauung für die Kunst besonders virulent. In den Bildserien Claude Monets zur Kathedrale von Rouen und dem Bahnhof Saint-Lazare, artikuliert sich denn auch der Wunsch, die Außenwelt in ihrer tatsächlichen Beschaffenheit zu erfassen und hinter die bloße Sinneserscheinung zu blicken.

Die neo-impressionistische Malerei eines Georges Seurat oder Paul Signac geht noch einen Schritt weiter. Beruhend auf zeitgenössischen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, löst ihr Pointillismus die Bildgegenstände in Punkte und Farben auf, damit diese erst vom Auge des Betrachters zum Bild zusammengefügt werden. Die Konstruktionsleistung der menschlichen Wahrnehmung findet hier ihre Übersetzung in die Technik des Malers. Mit dem Spätwerk Paul Cézannes schließlich beginnt ein Prozeß der zunehmenden Loslösung von einer einansichtigen Wirklichkeitsillusion, die im Modell der Zentralperspektive die europäische Malerei seit der Renaissance beherrschte. Wie Claude Monet bemüht sich auch Paul Cézanne um eine unmittelbare Erfahrung der Dinge. Allerdings ist für ihn eine solche nur in der Abstraktion vom Sinneseindruck möglich.

Die mehransichtigen Bildräume Paul Cézannes fanden ihre radikalisierte Fortsetzung im Kubismus, der sich gänzlich von der einansichtigen Schau der Wirklichkeit löst. Parallel zur Wahrnehmungstheorie eines William James leugnen die Kubisten den Realitätsanspruch des perspektivischen Sehens. Gemalt wird nicht die zufällige Erscheinung eines Gegenstandes, sondern die Vorstellung vom Gegenstand. Claude Monets Versuch, die tatsächliche Beschaffenheit der Außenwelt zu erfassen, wird hier von einer jungen Künstlergeneration erneut unternommen.

Der Zweifel an der Verlässlichkeit der Sinneswahrnehmung, der um 1900 nahezu alle wissenschaftlichen Disziplinen erfasste, wird auch in der bildenden Kunst der Zeit zum bestimmenden Faktor der intellektuellen Auseinandersetzung.


Julian Eilmann
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