Die Dechiffriermaschine des Auges:
Der Pointillismus und die künstlerische
Anwendung naturwissenschaftlicher Theorien

Die Impressionisten waren weder Wissenschaftler noch Kunsttheoretiker. Ihre spärlichen Kommentare zu ihrer Kunst bleiben häufig vage und wenig zusammenhängend, so dass von einer impressionistischen Kunsttheorie nicht gesprochen werden kann. Zwar hatten die französischen Künstler die Entwicklungen auf dem Gebiet der Sinnesphysiologie verfolgt und sich, wie Claude Monet in seinenSerien, auf eigene Weise mit der Wahrnehmungsproblematik beschäftigt. Den Versuch, naturwissenschaftliche Erkenntnisse unmittelbar auf die Malerei anzuwenden, hatte jedoch erst eine Künstlergruppe unternommen, die unter der Bezeichnung Neo-Impressionisten oder Pointillisten bekannt ist:

Es war Seurat, ein hochbegabter Künstler, der als erster die Idee hatte, nach gründlichem Studium wissenschaftliche Theorien anzuwenden. (Camille Pisarro in einem Brief an den Kunsthändler und Impressionistenförderer Durand-Ruel)

Während seiner Studienzeit an der Kunstakademie von Paris hatte Georges Seurat sich mit den optischen Theorien des Chemikers Michel Eugéne Chevreul und des Kunstkritikers Charles Blanc beschäftigt, in deren Schriften die Gesetzmäßigkeiten der Farbe behandelt werden.Die Erkenntnisse der zeitgenössischen Wahrnehmungsforschung bildeten die Grundlage für die von Seurat und seiner Künstlergeneration perfektionierte pointillistische Maltechnik. Seit 1882 wendet Seurat das rezipierte Wissen auf seine Malerei an und beginnt, winzige Tupfen möglichst ungemischter Farbe auf die Leinwand aufzutragen. Für ihn ist »die Synthese [der Farbpunkte] ein zwingendes Ergebnis.«

Henri-Edmont Cross:
»Zypressen in Cagnes«

Der von Seurat vertretene Pointillismus geht davon aus, daß die isolierten Pinselstriche des Bildes vom Auge des Betrachters zu einem homogenen Ganzen zusammengesetzt werden.

Die Mischung der Farben muß sich im Auge und nicht auf der Palette vollziehen. Anders gesagt: die Zerlegung der Töne in ihre Grundelemente. Die optische Mischung erzeugt nämlich viel intensivere Lichtwirkung als die Mischung der Pigmente. (Camille Pisarro)

Der Pointillismus, wie ihn Pisarro hier beschreibt, setzt demnach einen wahrnehmenden Betrachter voraus, der mit Auge und Gehirn das Bild nicht bloß passiv betrachtet, sondern eigenständig konstruiert. Ohne ein sehendes Auge bleiben auf der Leinwand nur isolierte Bildpunkte.

Georges Seurat »La Parade de cirque«

Wie neuere Forschungen gezeigt haben, findet die angestrebte Synthese der Pinselstriche im Auge des Betrachters, die bei einer angemessenen Entfernung zur Leinwand eintreten sollte, jedoch tatsächlich nicht statt.Das menschliche Auge kann die benachbarten Farbwerte nicht zu einem homogenen Farbeindruck verbinden, wie ein Prisma dies im Falle des Lichts zu tun vermag. Die Bildpunkte bewegen sich aufeinander zu, ohne sich zu mischen. Lediglich eine vibrierende Bewegung der Farben ist zu erkennen. So wird die Farbe im Pointillismus zum Zeichen und das Bild zu einem Zeichensystem, das vom Betrachter entschlüsselt werden soll. Die Gegenstände werden ohne Berücksichtigung ihrer materiellen Beschaffenheit in gleiche Elemente, Farbpigmente, zerlegt. Die Wirklichkeit erscheint prinzipiell auf dieselben Grundelemente reduzierbar.

[Der Pinselstrich] ist nur einer der zahllosen Bestandteile, deren Summe das Bild ausmacht, ein Element, das dieselbe Rolle spielt wie die Note in einer Symphonie.(Paul Signac)

Wie die Note ein abstraktes Zeichen für einen akustischen Ton darstellt, so wird der Bildpunkt auf der Leinwand zu einem Zeichen für einen visuellen Reiz. Das Auge liest die Zeichen als Farben und Oberflächen und konstruiert daraus seinen Sinneseindruck. Das Auge wird zur Dechiffriermaschine. Diese vom Auge getätigte Konstruktionsleistung hatte schon Hermann von Helmholtz beschrieben.


Julian Eilmann // Empfohlene Zitierweise