Das Sehzentrum

Die Fasern der Sehstrahlung ziehen vom Mittelhirn bzw. vom lateralen Kniehöcker (siehe Abb.) weiter zum hinteren Pol des Gehirnes. Hier findet der eigentliche Sehvorgang statt, hier gelangt das Gesehene ins Bewusstsein des Menschen, es wird interpretiert und logisch zugeordnet. Die »neutrale Sprache der Aktionspotentiale« wird in komplexe Sinnes- und Gefühlseindrücke umgewandelt. Diesen Prozess nennt man Transduktion. Aus den »gefühlskalten« Spikes der elektrischen Potentiale wird etwas, was das menschliche Wesen geradezu definiert: Der subjektive und emotional oft überwältigende Kontakt zur Außenwelt. Die Erkenntnis des »neutralen Sprachcodes« ermöglicht es den einzelnen Sinnessystemen allerdings, in Kontakt miteinander zu treten. Erst so kann ein Kontakt zur Außenwelt hergestellt werden, kann z.B. ein Handlungswunsch in Bewegung, also Verhalten, transformiert werden.

In den primären Projektionsfeldern (Area 17) werden zunächst die objektiven Lichtreize registriert, das Bild wird entworfen und dem Bewusstsein zugänglich gemacht. Die Netzhaut ist auf diese Hirnrinde vollständig projizierbar. Die Projektion der Retina ist vergleichsweise eine Punkt-zu-Punkt Projektion (analog zum lateralen Kniehöcker). Die funktionell wichtigeren Bereiche der Netzhaut (gelber Fleck) nehmen hierbei den größten Platz ein. Hierdurch entsteht eine Repräsentation ähnlich dem Homunkulus für den Tastsinn.

Homunkulus

 

Homunkulus

 

Der Homunkulus (griech. »Menschlein«) ist eine menschliche Figur, welche schematisch auf die Kortexoberfläche projiziert wird. Die Proportionen dieses »Menschleins« sind verzerrt. So ist z.B. die Zunge sehr groß abgebildet, da sie entsprechend viele Sinnesrezeptoren enthält. Natürlich handelt es sich bei dem Schema des Homunkulus nicht etwa um einen Mann im Kopf! Hiermit ist lediglich die Projektion bestimmter Rezeptorfelder veranschaulicht. Analog zu der sogenannten somatotopen Repräsentation des Tastsinns existiert am hinteren Pol des Gehirnes eine entsprechende retinotope Abbildung der Netzhautfläche (Ortsprinzip der Sinneswahrnehmung). Die mit der Netzhautfläche korrelierenden Bereiche am hinteren Pol des Gehirnes bezeichnet man als die primären Projektionsfelder des Sehens (Area 17).

Querschnitt durch das Sehzentrum

 

Die Nervenzellen sind in der Sehrinde zu Säulen angeordnet. Diese sogenannten Dominanzsäulen bewirken, dass bestimmte Reize nur bei speziellen Bewegungsmustern von einer jeweils zugehörigen Dominanzsäule erkannt werden.

Unerlässlich für die bewusste Wahrnehmung von Gegenständen sind allerdings die sekundären Projektionsfelder, speziell die der bewussten Bildverarbeitung (Area 18) und die des optischen Erinnerungsvermögens (Area 19). Diese Areale werden auch als »optische Sprach- und Lesezentren« bezeichnet. Sie liegen an der Außenseite des hinteren Hirnpoles. Für die übergeordneten Rindenfelder stellt das primäre Projektionsfeld (siehe oben) lediglich ein Verteilerzentrum da, da es selbst keine Syntheseleistungen erzeugen kann. Das sekundäre Projektionsfeld hingegen ordnet den Gegenständen ihre jeweilige Bedeutung zu. Ist dieses sekundäre Feld zerstört, spricht man von der »Seelenblindheit«, optisch geprägte Begriffe können dann nicht mehr gebildet werden. Gegenstände, wie z.B. ein Apfel, werden zwar noch als Reiz wahrgenommen, dieser Eindruck kann jedoch (je nach Größe der Schädigung) weder einer Erinnerung, noch einer Bedeutung oder einem Namen zugeordnet werden. So wird z.B. die Bedeutung des Apfels als Nahrungsmittel nicht erkannt. Der laterale Kniehöcker, die sekundären und die primären Assoziationsfelder ermöglichen es dem Menschen außerdem, sich Gedächtnisinhalte in Erinnerung zu rufen, ohne einen Gegenstand konkret wahrzunehmen. Dies geschieht auch im Traum, im Drogenrausch oder gar als Wahnvorstellung.

Bei Störung des primären Gesichtsfeldes auf der Hirnoberfläche (Kortex) kommt es lediglich zu partiellen Gesichtsfeldausfällen.


Daniel Ketteler // Empfohlene Zitierweise