Sinne und Synapsen ist ein Projekt des Instituts für Germanistische und Allgemeine Literaturwissenschaft der RWTH Aachen.

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Projektleitung:
Dr. Christine Emig
Prof. Dr. Monika Fick

Carl Du Prel:
die weltanschauliche Deutung
der spiritistischen Phänomene

Welche Auffassung der Natur ist die richtige? Das erkenntnistheoretische Problem, die Abhängigkeit unseres Weltbildes von der Beschaffenheit unserer Sinne und unseres Intellektes, wird hier dem Leser in höchst anziehender Weise zum Bewußtsein gebracht. Eine kleine Korrektur, an unserem Gehirn vorgenommen, würde das ganze Weltbild verändern. Es wäre noch immer dieselbe Welt, aber anders angeschaut und nicht mehr zu erkennen. Bei dem großen Reichtum der Natur an Lebens- und Bewußtseinsformen lassen sich unzählige Wesensarten denken, deren jede in einer anderen Welt lebt, und alle diese Welten sind doch im Grunde identisch. Unser Organismus ist nur einigen der vorhandenen Ätherschwingungen angepaßt. Wir wissen nicht, wie viele Schwingungsarten es giebt; aber Wesen, die den uns unbekannten Schwingungsarten angepaßt wären, würden ein ganz anderes Weltbild haben, ganz andere Kenntnisse und eine ganz andere Wirkungsweise.

[… ] andere Anpassungen ergeben andere Organisationen, andere Beziehungen zur Natur, andere Vorstellungswelten, also auch andere Erfahrungen, was einer Verschiedenheit der aus diesen Erfahrungen abstrahierbaren Naturgesetze gleichkommt.

Kein heutiger Vertreter des radikalen Konstruktivismus' oder einer biologischen Erkenntnislehre formulierte diese Sätze, sondern ein Vertreter des – Spiritismus: Carl du Prel. Wir zitierten aus einem Werk, das 1892 veröffentlicht wurde. Carl du Prel wirbt mit seinen Schriften nicht nur um eine wissenschaftliche Anerkennung des Spiritismus, sondern möchte zugleich eine moderne Weltanschauung begründen, die auf die Fragen antwortet: »In wie fern ist der Mensch ein Rätsel? [...] Woher kommen wir? wozu leben wir? wohin gehen wir?«

Carl du Prel greift die Modelle der Biologie und der Sinnesphysiologie auf; insbesondere instrumentalisiert er die Theorie der Empfindungsschwelle, um die Verheißungen des Spiritismus plausibel zu machen. Es handelt sich um eine ›Umwelttheorie‹: Die Organisation seiner Sinne bestimme die Wahrnehmungswelt des Menschen. Reize dringen erst in das Bewusstsein, wenn sie eine gewisse Stärke angenommen haben, mit der sie die Empfindungsschwelle, die von den Sinnesorganen abhängt, überschreiten können. Feinere Reize werden nicht wahrgenommen. So bleibe ein Großteil des Universums dem Menschen verborgen.

Eines ist für du Prel sicher: Trotz der Unterschiedlichkeit der Vorstellungswelten und Lebensformen leben alle Geschöpfe im gleichen Universum, im ›Grunde‹, so lesen wir im obigen Zitat, seien alle diese verschiedenen Lebenswelten ›identisch‹. Diese »identische Welt« ist für du Prel zum einen durch die physikalischen Entdeckungen des 19. Jahrhunderts neu erschlossen worden: ein Kosmos voller unbekannter Schwingungen, unbekannter Kausalitäten. Doch, so die Grundüberzeugung: Auch für diese Schwingungen, für diese verborgenen Welten müsse es die entsprechende Wahrnehmungsform, müsse es ein Subjekt geben, das für sie angepasst sei und mit ihr in einem lebendigen Wirkungszusammenhang stehe. Mehr noch: du Prel kennt bereits dieses geheime Subjekt-Zentrum, es ist das verborgene (er sagt: »transzendentale«) Ich, das jeder Mensch in der Hülle seines Leibes in sich trage. Du Prel ›konstruiert‹ dieses transzendentale Subjekt, indem er Erkenntnisse der zeitgenössischen Psychiatrie mit einem romantischen naturphilosophischen Gedankengut verschmilzt. Hypnotische und somnambule Phänomene, Hellsehen (du Prel sagt: »Fernsehen«), Prophezeiungen, das ganze Arsenal des Unbewussten kommt hier zum Zuge. Das Unbewusste des Menschen zeige, daß er Träger weit umfassenderer Fähigkeiten sei, als er sie im bewussten Zustand kenne und ausübe. Die Evolution lehre eine fortschreitende Höherentwicklung der Lebensformen und ihrer Anpassungen – nichts hindere uns anzunehmen, dass sich das »transzendentale Subjekt« des Menschen in Zukunft als eine bessere Anpassungsform entfalten werde. Der Tod bedeute nichts anderes als die höchste Verfeinerung der Sinne, eine Absenkung der Empfindungsschwelle bis zu dem Grad, an dem die Gesamtheit des Universums für den Menschen wahrnehmbar werde. Aus dem materiellen Leib entstehe der Astralleib mit seinen vergeistigten Sensorien – das Jenseits, sagt du Prel, sei das ›anders angeschaute Diesseits‹.

Auf die Künstler um 1900 (und danach), auf Mondrian und Kandinsky, auf Maupassant (Le Horla), auf Maeterlinck, Ibsen, Strindberg, Meyrink, Rilke, auf Schönberg usw. übten spiritistische, okkultistische und theosophische Theorien höchste Anziehungskraft aus. Du Prels (pseudo-)philosophische Deutung des Spiritismus legt einige Argumente nahe, die solche Attraktionskraft begründen können. Zum einen ist der Spiritismus eine Theorie des Wahrnehmungswandels, neue Welten, die ganz anders sind, tauchen am Horizont auf, und diese neuen Dimensionen fordern die Verwandlung des wahrnehmenden Subjekts, fordern eine Revolution der Wahrnehmungsweise. Das wahrnehmende Subjekt tritt hier in unmittelbare Konkurrenz zu den physikalischen Apparaten, es wird zu einem erlebenden Organ dessen, was die physikalischen Apparate ›nur‹ in der Abstraktion und losgelöst vom Leib des Beobachters zeigen können – das ist das Faszinosum für die Künstler. Dabei suggerieren du Prels Spekulationen, dass sie auf der Fluchtlinie naturwissenschaftlicher Forschungen liegen; es »ist naturwissenschaftlich möglich«, insistiert er in der Schrift Der Spiritismus ; damit scheint die Vereinbarkeit mit dem modernen Denken gewährleistet. Zum anderen jedoch beobachten wir eine geradezu stromlinienförmige Konventionalität der Prinzipien und Vorstellungen, mit denen du Prel die menschliche Wahrnehmung ergänzt; auch hat er meistens nicht mehr als abstrakte Formeln zu bieten. Der Kampf ums Dasein erscheine in einem tröstlichen, sinngebenden Licht, wenn wir am Gedanken des (evolutionären) Fortschritts festhielten. Der Tod sei ein Akt der Läuterung; die Materie werde vergeistigt ... . Schauen Sie sich an, wie dagegen in bildkünstlerischen und literarischen Arbeiten die andere Wahrnehmung sich verwirklicht (e Seh-Störungen; e Rilke; e Benn;).


Monika Fick
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